#3 Wilde Träume

Im gleichen Moment als er seine Augen öffnete, spürte er die Kälte. Weißes Licht blendete ihn und ließ es nur langsam zu, dass sich seine Pupillen an die Umgebung gewöhnten. Allmählich konnte er die Umrisse einiger Tannen und die Uferlinie der Küste erkennen. Erik blickte hinab und strich mit einem Fuß über den Boden. Unter der dünnen Schneeschicht glänzte massives, blaues Eis.

Der Junge stand allein am Ufer eines großen Sees.

Eine Windböe traf ihn hart und wirbelte den Schnee um ihn herum auf.  Er begann zu zittern und wollte sich gerade umdrehen, als er etwas Feuchtes an seinem Arm spürte. Erik sah hinab und machte vor Schreck einen Satz zurück.

 

Ein Bär, das Fell verfilzt und voller Eisklumpen hatte sich von hinten an ihn herangeschlichen. Seine Pfoten waren auf dem glatten Eis nicht zu hören gewesen. Er schien ihn weder angreifen zu wollen, noch machte er den Eindruck, dass er sich von ihm bedroht fühlte.

Der Junge blieb vor Schreck erstarrt vollkommen ruhig stehen, als die kalte Schnauze erneut seinen Arm berührte und sich weiter über seinen Körper tastete. Zitternd richtete er den Blick stur geradeaus auf das nahe Ufer, bemüht, den Bären auf keinen Fall anzusehen und dem Tier damit einen Grund zu geben, ihn anzugreifen.

»Halte still.« Der Wind trug die leisen Worte, die kaum mehr als ein Flüstern waren, an sein Ohr.

Vorsichtig, ganz langsam und gleichmäßig, drehte Erik seinen Kopf um zu sehen woher die Stimme gekommen war. Er erspähte ein Stück weiter das Ufer hinauf einen Mann, der gerade einen langen Pfeil aus seinem Köcher zog.

Der Fremde legte an, zog mit einer kräftigen Bewegung die Sehne zurück und ließ den Pfeil fliegen.

Als hätte der Bär es gespürt, ließ er im selben Moment von Erik ab und trottete in Richtung des gegenüberliegenden Seeufers davon.

Ein hoher Pfeifton kündigte den heranfliegenden Pfeil an, der genau an der Stelle auf das Eis traf, wo den Bruchteil einer Sekunde zuvor noch der Kopf des Tieres gewesen war. Der Pfeil prallte von der glatten Oberfläche ab und trudelte ins weiße Nichts davon.

Erik atmete erleichtert auf und machte einige vorsichtige Schritte in Richtung des Fremden. Dieser hängte sich seinen Bogen über die Schulter und ging ihm ebenfalls entgegen. Mit großen Schritten kam er näher.

»Was machst du allein hier draußen, Junge?«, brüllte ihn der große Mann an. Er hatte zotteliges Haar und einen wilden, ungezähmten Bart.

»Ich-I-I-I-ch weiß es nicht«, stammelte Erik und übertönte mit seinen Worten kaum den Wind, der lautstark um sie herumfegte.

»Komm mit, sonst stirbst du hier draußen in der Kälte«, wies ihn der Fremde an und zog am Arm des Jungen.

»Wo bin ich hier? Wie bin ich hergekommen?«, fragend blickte er dem Wilden in die Augen.

»Das kann ich dir auch nicht sagen, aber sicher ist, dass du nicht lange genug leben wirst um es herauszufinden, wenn du jetzt nicht mit mir kommst.«

Der junge Erik nickte und gebot ihm, dass er folgen würde. Seine nackten Füße, bemerkte er, fühlten sich schon ganz taub an und er zitterte, ausschließlich mit einem dünnen Nachthemd bekleidet.

Sein Retter eilte rasch voran und er bemühte sich nach Kräften, mit ihm Schritt zu halten.

Nicht lange und sie erreichten das karge Ufer. Geschickt schlängelte sie sich durch das hartgefrorene Schilf und tauchten in den winterlichen Tannenwald ein. Der Schnee war hier schon tiefer und Erik sank bei jedem Schritt bis zur Wade ein. Als er den Fuß erneut hob, und nach unten sah, erschrak er. Seine Zehen waren bereits leicht bläulich und drohten zu erfrieren.

»Halt«, rief er dem Mann vor sich hinterher, der stoppte und zurückkam. Erik zeigte ihm seine Füße.

Einen kurzen Moment überlegte der Wilde, dann hob er den Jungen mühelos hoch, legte ihn über seine Schulter und setzte seinen Weg fort.

Nicht lange und Erik sah eine große Holzhalle kopfüber auf sich zukommen. Ehe er die Gelegenheit bekam, sie näher zu betrachten, waren sie auch schon durch eine lederne Plane, die offensichtlich als Türe verwendet wurde, ins Innere gelangt.

Kaum außer Atem, ließ ihn der Mann auf den Boden hinab.

Vorsichtig belastete Erik seine Füße und humpelte dem Fremden einige Schritte hinterher.

»Setz dich dort an das Feuer und wärme dich«, wies er ihn, mit einem besorgten Blick auf seine Füße, an.

Ohne zu zögern ließ sich der Junge vor dem Kreis aus großen Wackersteinen, in deren Mitte ein gewaltiges Feuer brannte, auf einen hölzernen Sitz sinken und streckte seine nackten Zehen den knisternden Flammen entgegen. Genüsslich schloss er die Augen und konzentrierte sich einzig und allein auf das Gefühl der Wärme, die langsam seine Beine hinaufkroch und ihn einhüllte.

»Maikieli«, brüllte der Mann und irgendwo aus dem hinteren Teil des Holzhauses kam ein Mädchen angelaufen.

Erik schätzte, dass sie ungefähr in seinem Alter sein musste und bei genauerer Betrachtung fiel ihm auf, wie hübsch sie trotz des leicht verfilzten, schulterlangen, braunen Haares doch war.

»Kümmere dich um ihn und bring ihm Fell und Leder. Besser du machst ihm Füßlinge. Er scheint nicht von hier zu sein.« Bei diesen Worten warf er dem Jungen am Feuer neuerlich einen besorgten Blick zu und ging davon.

Das Mädchen eilte ebenfalls davon und Eriks Blick wurde wieder von den tanzenden Flammen angezogen.

»Ich heiße Maikieli, aber nenn mich Kieli, und wie ist dein Name?«, erklang eine klare, helle Stimme.

Er schrak auf und sah hinauf in ein paar strahlend grüne Augen. »Erik«, war alles was er überrascht antworten konnte.

»Zeig mal her«, sagte Kieli, während sie vor ihm auf die Knie sank und nach seinen Füßen griff. Vorsichtig betastete sie jeden einzelnen seiner Zehen und lächelte, als er zuckte, weil ihre Berührung ihn kitzelte. »So wie es aussieht hast du Glück gehabt. Keiner ist erfroren.« Sie griff hinter sich und begann ein Stück weiches Fell um jeden seiner Füße zu wickeln, welches sie dann mit hellbraunem Leder umschloss und festzog.

Als sie fertig war erhob sich Erik und betrachtete ihr Werk. Er stellte überrascht fest, dass sie ihm ein Paar sehr gemütlicher und warmer Schuhe direkt um die Füße geschnürt hatte. Ein paar Mal trat er kräftig auf, ging einige Schritte auf und ab, lächelte dann zufrieden und bedankte sich bei dem Mädchen. Erst jetzt fiel ihm wieder ein, dass er lediglich mit seinem Schlafanzug bekleidet war, der ihn zwar ausreichend bedeckte, jedoch zu dünn war um ihn vor der Kälte draußen zu schützen.

Maikieli schien zu dem gleichen Schluss gekommen zu sein, denn sie eilte erneut davon und kam wenige Augenblicke später mit einem großen, dunkel gegerbten Fell zurück. Mit einem Messer schnitt sie es in Stücke und band sie Erik um Hüfte, Bauch und Schultern.

Erneut bedankte er sich, während er das Fell betastete. »Mai– verzeih, Kieli, kannst du mir sagen wo ich hier bin und wie ich hier her gelangen konnte? Als ich einschlief befand ich mich mit meiner Familie auf einer Hütte.«

Gerade als sie antworten wollte ertönte ein lauter Schrei außerhalb der Behausung.

Vor Schreck zuckten die beiden zusammen und sahen umher.

Kielis Vater kam aus dem hinteren Teil der Halle, er trug einen Speer und gebot ihnen im Vorbeilaufen, zu bleiben wo sie waren.

Einen kurzen Moment wurde es unnatürlich still, dann erscholl sein Ruf von draußen: »Der Bär, er ist zurück. A-a-aber, das kann doch nicht sein.«

Erik und Kieli waren nicht mehr zu halten. Sie stürmten nach draußen und bremsten abrupt ab, als sie ihn sahen.

Der Bär war größer als Erik ihn in Erinnerung hatte. Sein Aussehen hatte sich ebenfalls verändert. Das einst braune, zottige Fell war grau geworden. Die linke Körperhälfte des Tieres war von einem sonderbaren Geschwür überzogen. Lila-bräunlich schimmerte es matt im Licht der Sonne.

Bei genauerer Betrachtung fiel dem Jungen auf, dass die seltsame Masse zu pulsieren schien, so als ob sie einen eigenen Herzschlag hatte.

»Vater, was ist das?«, fragte Kieli ängstlich, der offenbar dasselbe aufgefallen war wie ihrem neuen Freund.

»Es ist ein Dämon. Er hat Besitz von dem Bären ergriffen, sich seiner ermächtigt, um uns heimzusuchen«, keuchte ihr Vater konzentriert. Breitbeinig stand er da, war leicht in die Hocke gegangen, den Speer vor sich ausgestreckt um sich dem Wesen aus der Hölle sofort entgegenwerfen zu können.

Ein tiefes, kehliges Grollen entfuhr dem Ungeheuer vor ihnen, als weitere Männer aus der Behausung traten. Einige trugen wie Kielis Vater einen Speer, andere hatten Bögen, in die sie bereits Pfeile gespannt hatten. Vorsichtig, mit langsamen, leisen Schritten bildeten die Speerträger einen Halbkreis um den Bären, der sich noch immer nicht regte, sondern lediglich die Zähne gebleckt hatte.

Als einer der Männer an einer leichten Unebenheit im Boden hängen blieb und strauchelte passierten plötzlich mehrere Dinge sehr rasch in Folge.

Der Dämon machte einen Satz nach Vorne und griff an.

Die Bogenschützen ließen ihre Pfeile fliegen, von denen jedoch nur einige wenige das dicke Fell des Bären durchschlugen und stecken blieben.

Die Speerträger hechteten dem Untier entgegen und spießten es gleich von mehreren Seiten auf. Kielis Vater war so geschickt, dass er die dunkle, pulsierende Masse in der Seite des Bären traf, der daraufhin einen gewaltigen Satz machte und plötzlich direkt vor Erik stand.

Er war erstarrt, unfähig sich zu rühren und sah seinem Gegenüber direkt in die stumpfen, toten Augen. Ein Schauer durchfuhr ihn, da erhob das Ungeheuer seine linke, vom dämonischen Geschwür zerfressene, Pranke und versetzte ihm einen gewaltigen Hieb.

 

Schweißgebadet wachte er auf und sah sich um, in Gedanken noch immer bei seinem Traum.

Es war dunkel und draußen war das unheimliche Heulen des Windes zu hören.

Erleichtert stellte er fest, dass er sich in der Berghütte befand, in der er mit seinen Eltern den Winterurlaub verbrachte.

Als Erik seine Decke zurückschlug spitzte er die Ohren, durch das Fauchen des Windes war noch ein anderes Geräusch zu vernehmen.

Ein leises Klopfen erklang aus Richtung der massiven Holztüre.

»Papa, Papa«, Erik war aus dem Bett gesprungen und rüttelte an der Schulter seines Vaters, »es klopft an der Türe.«

»Geh und mach auf. Vielleicht ist jemand in dem Sturm verunglückt und braucht unsere Hilfe«, antwortete er seinem Sohn, während er sich aus dem Bett schälte.

Erik rannte zum Eingang, schob den Riegel zurück und riss die Türe auf.

Vor ihm standen, zerzaust vom Wind und weiß vom Schnee, Kieli und ihr Vater.

»Bitte, wir brauchen Hilfe«, sagte das Mädchen zu ihm, »dort draußen ist ein Bär und mein Vater ist verletzt.«

 

Alle Rechte vorbehalten ® | 18. Oktober 2019 | 06:32 Uhr

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