#3 Unter der Erde

Als die Nacht dem Tag wich, hatten sie es bereits weit geschafft.

Die Landschaft hatte sich gewandelt, es war bergiger geworden. Das karge Land wirkte kalt und verlassen, trotz der Hitze, die tagsüber herrschte. Den verbrannten Wald hatten sie längst hinter sich gelassen, das einzige was sie sahen war Fels und Geröll, eintöniges Grau soweit das Auge reichte.

Ihr Gang hatte sich verlangsamt. Je weiter sich die Sonne am fernen Horizont hinter ihnen erhob und je heißer es dadurch wurde, desto langsamer wurden sie.

»Wir können so nicht weiter«, sagte Katiana, die soeben ins straucheln geraten und beinahe gestürzt wäre, zu Tajeu.
»Ich weiß, wir müssen uns einen Felsvorsprung oder etwas Ähnliches suchen, ehe die Sonne ihren höchsten Punkt erreicht hat. Diese Umhänge sind gut und nützlich für kurze Strecken, aber auf Dauer wird es darunter zu heiß.«

»Ja, du hast recht. Aber wir können nicht den ganzen Tag so abwarten. Wir haben nicht viel zu trinken und werden bei lebendigem Leib geröstet.«

»Dann müssen wir eine Höhle oder größere Felsspalte finden, in der wir uns verstecken können bis es wieder abkühlt«, sagte Tajeu mit einem Nicken und ging voran.

Sie liefen schneller. Viel Zeit blieb ihnen nicht. Immer steiler stieg der Berg vor ihnen an, doch langsamer zu gehen konnten sie sich jetzt nicht mehr leisten.

Die Umhänge eng um sich geschlungen, kletterten sie von Felskante zu Felskante. Kurz bevor sie das nächste Plateau erreichten, begann Katianas Umhang plötzlich sachte zu flattern.

»Tajeu, Tajeu«, rief sie zweimal aus.

Einen Fuß unter ihr, sah er auf. Bevor er fragen konnte, was denn los war, erfasste ihn ein starker Wind.

Er umwehte die beiden Gestalten und riss ihnen fast die Umhänge vom Körper.

Sie fingen beide an zu lachen und freuten sich über die kühle Brise. Dann knackte es plötzlich laut und Katiana schrie.

Wie in Zeitlupe sah Tajeu sie vorbeifliegen. Er sah ihr entsetztes Gesicht, den vor Schreck weit aufgerissenen Mund und reagierte. Mit einer Hand griff er zu und erwischte ihren Arm. Kräftig packte er sie und zog mit aller Macht. Das Adrenalin, das seinen Körper durchflutete, verlieh ihm die nötige Kraft. Er schleuderte seine zierliche Gefährtin über den Rand der Klippe auf das Plateau. Noch in der Bewegung ergriff er den nächsten Felsen und zog sich ebenfalls hoch. Der Stein begann schon zu qualmen, so heiß war es mittlerweile geworden.
Er gönnte sich keine Pause, zog Katiana auf die Beine und lief mit ihr im Schlepptau den großen Felsvorsprung ab. Außer einer kleinen Vertiefung gab es nichts, was ihnen hätte Schutz bieten können. Keine Höhle und auch keinen Vorsprung. Sie quetschten sich in die Vertiefung, die im Moment wenigsten etwas im Schatten lag und sie vor dem direkten Sonnenlicht abschirmte.
Als Katiana sich etwas von dem Schock erholt hatte, sah sie sich noch einmal genau um, konnte jedoch auch nichts entdecken, dass einen Ausweg versprochen hätte.
»Was nun?«, fragte sie verzweifelt, während sie ihren Kopf an Tajeus Schulter anlehnte.

»Ich weiß es nicht. Der nächste Vorsprung ist so weit oben, da kommen wir niemals hoch. Der Fels hat sich schon so stark erwärmt, wir verbre …«

»Sieh nur«, Katiana piekte ihn aufgeregt in die Seite und deutete auf eine Stelle im Fels. Er folgte ihrem Arm mit seinem Blick und kniff angestrengt die Augen zusammen, um im grellen Licht etwas erkennen zu können. Erst sah er nichts außer den schroffen Felskanten, doch dann fielen ihm die Umrisse eines kleinen Loches auf, dass in dem Stein klaffte. »Du meinst doch nicht im Ernst, dass wir dort hineinpassen, oder?«, fragte er.
»Es bleibt uns ja nichts Anderes übrig als es zu versuchen. Wir haben nicht mehr viel Zeit bis das Sonnenlicht uns trifft«, mit diesen Worten stand sie auf, schlang das silberne Cape eng um sich und trat aus dem Spalt hinaus ins Freie. Auch Tajeus ungläubiges »Halt, nicht …«, vermochte sie nicht aufzuhalten. Rasch überquerte sie das Plateau und kniete vor dem kleinen Loch nieder. Sorgsam darauf achtend, dass die Folie ihre Beine und Füße bedeckte. Erst verschwanden Katianas Kopf und Oberkörper, dann folgte nach wenigen Sekunden der Rest.
Tajeu wartete angespannt, doch sie tauchte nicht wieder auf. Als ihm das Warten zu viel wurde, lief ebenfalls zur Felswand und ging vor dem Loch in die Hocke. »Katiana?«, rief er hinein, die Hände zu einem Trichter geformt. Er beugte sich weit hinab und hielt das Ohr direkt an die Öffnung, darauf konzentriert was er hörte. Erst vernahm er gar nichts, dann nach einigen Sekunden in denen er unbewusst den Atem angehalten hatte, war ein leises Scharren zu hören. Gerade als er den Kopf heben wollte, griff plötzlich eine Hand nach seinem Ohr. Vor Schreck sprang er auf und hätte um ein Haar den Schutzumhang verloren.
Katiana streckte ihren Kopf aus dem Loch. »Komm endlich her, das musst du dir ansehen«, rief sie aus dem Schatten zu ihm hinauf. Tajeu ging in die Hocke und folgte ihrem verschwindenden Gesicht in die Dunkelheit. Seine Augen brauchten kurz, bis sie sich an das schwache Licht gewöhnt hatten. Langsam wurden Katianas Umrisse vor ihm deutlicher. Sie lächelte ihn an, während sie mühsam rückwärts kroch.
Das dunkle Loch weitete sich schon bald zu einem kleinen Tunnel, in dem sie immer noch kriechen mussten, aber sich nicht zu eingeengt fühlten um Panik zu kriegen. Der Tunnel weitete sich noch weiter, dann wurde es plötzlich wieder unangenehm hell. Tajeu kniff angestrengt die Augen zusammen und spürte, wie Katiana nach seiner Hand griff um ihm auf die Füße zu helfen.
»Schließe deine Augen einen Moment und öffne sie wieder, dann geht es schneller. Und dann sieh dir das hier an.«
Er hörte, wie sich ihre Schritte entfernten, dann bemerkte er noch ein anderes Geräusch. Er wunderte sich, warum es ihm nicht gleich aufgefallen war, denn es war so laut und eindringlich, dass er es unmöglich hatte überhören können. Es war das Plätschern von Wasser. Nein, es war ein Rauschen, ein Rauschen von viel Wasser. Tajeu öffnete die Augen und sah sich um.
Die Höhle hatte einen fast unnatürlich glatten Boden. Die zerklüfteten Wände ragten hoch empor, bis zu dem gewaltigen Spalt an der Decke, durch den das Tageslicht hereinfiel. Es war als ob ein breiter Streifen davon das unterirdische Gewölbe unterteilte, wie ein Vorhang zwei Räume voneinander trennt.
Katiana stand bereits auf der anderen Seite und winkte ihn ungeduldig zu sich. Er ging rechts um den Lichtkegel herum, wobei er jedoch in die Hocke gehen musste um sich nicht zu verbrennen. Haare die verbrennen konnten, hatte er nicht, doch er wollte seine Kopfhaut auch nicht unbedingt verunstalten. Bei ihr angekommen, sah er den Durchgang auf den sie deutete und ging voran. Die große Öffnung mündete in einen Gang. Er war groß genug, dass sie stehen konnten, trotz Tajeus Größe. Je weiter sie dem Tunnel folgten, desto lauter wurde das Plätschern. Und dann hatten sie es geschafft. Wie der letzte, öffnete sich auch dieser Gang in eine Höhle. Sie war nicht ganz so groß wie die Vorherige, sondern schmäler und langgezogen. Aus einer Öffnung zu ihrer Rechten etwa auf Höhe von Katianas Schlüsselbein, bei Tajeu knapp unterhalb der Brust, sprudelte ein kleiner Wasserfall hervor und floss in eine Rinne, welche die gesamte Höhle durchzog und an ihrem Ende einfach in der steinernen Wand verschwand. Beinahe gleichzeitig schrien sie auf und fielen sich vor Freude hüpfend in die Arme.

»Das glaube ich ja nicht«, frohlockte Katiana und beugte sich auch schon hinab um eine Hand in das kühle Nass zu halten. Ehe Tajeu reagieren konnte, traf ihn ein Schwall kalten Wassers mitten ins Gesicht.
»Hey«, rief er prustend aus und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. »Lass das. Wir haben nicht die Zeit …«
»Natürlich haben wir die, wenn wir eines haben, dann ist es Zeit. Zumal der Tag noch eine Weile dauern wird. Vorher können wir sowieso nicht weiter. Also stell dich nicht so an und lass uns etwas Spaß haben und uns abkühlen.« Ehe Tajeu sich versah, hatte sie ihren Rucksack an die Wand geworfen und war dabei sich ihres T-Shirts zu entledigen.
»Katiana«, sagte er empört und drehte sich um.
»Sag mir jetzt nicht, dass dir das unangenehm ist«, stieß sie lachend aus und zog sich kurzerhand auch noch die Hose aus. Während Tajeu angestrengt die Wand betrachtete, hörte er hinter sich ein lautes platschen. Katiana war ins Wasser gesprungen.
»Tajeu«, rief sie jetzt schon fordernder, »komm endlich rein, es ist herrlich erfrischend!« Sie hatte die Arme auf den Rand des Kanals gelegt und ihren Kopf darauf gebettet. Mit großen Augen, ab und zu blinzelnd, sah sie ihn an.
Er konnte nicht anders und musste lachen. Schneller als sie schauen konnte, hatte auch er sein Gepäck ins Eck geworfen und sich ausgezogen. Die Knie angezogen sprang er ins Wasser und machte eine Bombe. Eine kleine Flutwelle begrub Katiana unter sich. Prustend tauchte sie wieder auf.

»Na warte, wenn ich dich kriege …«, sie schwamm auf ihn zu und schlang Arme und Beine um ihr großes Gegenüber im Versuch ihn unter Wasser zu ziehen. Tajeu lachte nur und griff unter ihre Beine. Ehe sich Katiana versah, befand sie sich fest in seinem Griff. Im nächsten Moment segelte sie durch die Luft und fiel wie ein Stein ins Wasser. Sie tauchte nicht mehr auf.

»Katiana? Lass den Scheiß, das ist nicht lustig!«, zwei geschlagene Minute starrte Tajeu auf den sprudelnden Bach, doch nichts regte sich. Er watete auf und ab, die Arme im Wasser um seine Freundin zu ertasten, falls sie dort unten trieb. Er näherte sich dem Ende der Höhle, dort wo das Wasser durch die Felswand floss. Er befürchtete schon, dass sie von der schwachen Strömung mitgerissen worden war. Vornübergebeugt tastete er weiter, als plötzlich zwei Hände aus dem Wasser geschossen kamen und sich um seinen Nacken schlossen. Ehe er reagieren konnte, zog sie ihn unter Wasser.
»Ich habe dich doch noch gekriegt«, stieß sie triumphierend aus und lachte, als er wiederaufgetaucht war.
»Das ist nicht lustig, ich habe mir Sorgen um dich gemacht«, sagte er missmutig und spritzte sie nass.
»Ach komm, du bist nur sauer, weil ich dich erwischt habe. Ich wollte dir keinen Schrecken einjagen« Ihre Stimme klang schon wieder etwas versöhnlicher, während sie im Wasser auf ihn zukam. Immer noch etwas eingeschnappt, ließ er es doch zu, dass sie ihre Arme um seinen Nacken legte und ihm einen Kuss gab.
»Meinst du, wir können jetzt für einen Moment die Ruhe genießen?«, flüsterte sie ihm ins Ohr.
»Ich werde mir Mühe geben«, erwiderte er grinsend und vergrub sein Gesicht in Katianas Nacken.

Nachdem sie aus dem Wasser gestiegen waren hatten sie sich hingelegt. Die Luft strömte warm aus der benachbarten Höhle herein und so dauerte es nicht lange bis sie eingeschlafen waren.

 

Katiana erwachte fröstelnd. Es dauerte einen Moment, bis sie wusste wo sie sich befand. In der Höhle war es so dunkel, dass sie nicht einmal mehr die Hand vor Augen sah. Vorsichtig tastete sie nach Tajeu und weckte ihn sanft. Während sie sich bereits anzog, blinzelte er noch und versuchte ebenfalls, sich in der Finsternis zurecht zu finden.

Als sie wieder alle Kleider anhatten und Tajeus Taschenlampe das Gewölbe in schwaches Licht tauchte, sahen sie sich noch einmal genau um, ob es auch wirklich keinen anderen Ausweg gab, als den Tunnel aus dem sie gekommen waren. Enttäuscht mussten sie feststellen, dass sie nur zurück in die letzte Höhle, oder vorwärts durch das Wasser in das Unbekannte hinter den Felsen konnten.
»Zurück möchte ich nicht. Ich bin das klettern leid und wir wissen nicht, was uns auf dem nächsten Plateau erwartet. Wir hatten eh schon viel Glück, dass uns bei der ganzen Kletterei nichts passiert ist«, Katiana hatte ihn am Arm gegriffen, als sie das sagte. Tajeu sah zu ihr herab und runzelte nachdenklich die Stirn.
»Wie sollen wir unsere Sachen durch das Wasser auf die andere Seite bringen? Und woher weißt du eigentlich, dass es nicht zu weit ist um durchzutauchen?«
»Das werden wir herausfinden, so stark ist die Strömung nicht.«
»Nein, zu gefährlich. Warte …«, während er weiter grübelnd dastand, ging Katiana ungeduldig auf und ab. Sie konnte es nicht erwarten, die Höhlen weiter zu erforschen.
»Wie wäre es, wenn du versuchst das Wasser, das durch die Öffnung hereinströmt, für einige Minuten zurückzuhalten? Vielleicht kann ich dann schauen, was hinter der Öffnung liegt. «
»Das … ja das klingt gar nicht so schlecht«, Tajeu sah zwischen Katiana und dem kleinen Wasserfall hin und her und grinste dann, »warum bin ich nicht auf die Idee gekommen!?«
»Vielleicht weil du wieder einmal viel zu sehr mit meckern beschäftigt warst?«, sie kniff ihn sanft in die Seite und lächelte schelmisch.
»Ach sei leise«, er streckte ihr im Weggehen die Zunge heraus und lief zu dem kleinen Wasserfall hinüber. Probeweise hob er beide Hände vor die Öffnung und versuchte so, den Wasserfluss einzudämmen. Es gelang nur mäßig. »Ich brauche etwas Festes um es abzudichten. So funktioniert das nicht.«
»Hier, nimm deinen Sack«, sie sprang zu seinem Bündel, leerte es und hielt es ihm hin, »damit sollte es gehen. Er ist aus Leder.«
»Ja sehr lustig! Wie soll das denn funktionieren?«, Tajeu ging zu seinem Beutel und zog die Axt aus der Schlaufe. »Ich kann höchstens versuchen die Wand über der Öffnung zu zerschlagen, damit die Steinbrocken herabstürzen und das Loch verstopfen.« Kräftig schlug er das Eisen gegen das Gestein. Erst passierte nichts, doch nach ein paar Hieben zeigten sich Risse im Fels. Tajeu schlug weiter darauf ein, bis mit einem lauten Krachen einige große Stücke herausbrachen und platschend im Wasser landeten. Erst sah es so aus, als ob es keine Wirkung gehabt hätte, doch dann wurde der Sturzbach allmählich weniger, bis schließlich
nur noch ein kleines Rinnsal die Höhlenwand hinabfloss.

»Beeilen wir uns«, stieß er keuchend aus und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Das ließ sie sich nicht zweimal sagen und griff sich rasch ihren Rucksack. Während Tajeu noch damit beschäftigt war, die letzten Sachen in seinen Beutel zurückzustopfen, ging Katiana bereits auf die Öffnung zu. Breitbeinig sprang sie in den Kanal hinab und landete platschend in einer Pfütze. Tajeu sah wie ihr Kopf in dem kleinen Tunnel verschwand. Leise hörte er noch ihre Schritte, dann wurde es still. Gerade war er am Eingang des Tunnels angekommen, als er Katianas Ruf vernahm.

»Tajeu komm schnell, das musst du dir ansehen, es ist unglau ...«, mehr hörte er nicht, denn in diesem Moment brach laut krachend die Felsblockade hinter ihm. Das Wasser schoss aus der Öffnung und flutete den Kanal augenblicklich. Der Strom riss ihn von den Füßen und zog ihn nach unten. In Sekundenschnelle füllte sich der Kanal mit Wasser. Prustend tauchte er wieder auf und schnappte nach Luft, da war er auch schon an dem Durchgang angekommen. Unsanft prallte er mit dem Hinterkopf gegen den massiven Felsen. Vor seinen Augen tanzten Sterne, er wurde erneut hinabgerissen und schnappte vor Schreck nach Luft. Wasser drang in seine Kehle ein, hustend versuchte er zu atmen und schluckte noch mehr Wasser. Er hatte mittlerweile komplett die Orientierung verloren und wurde von dem Strom mitgetragen. Um ihn herum war es dunkel. Dass er aus dem Tunnel heraustrieb bemerkte er nur verschwommen. Verzweifelt unternahm er einen letzten Versuch aufzutauchen. Es gelang ihm und er schnappte erneut nach Luft, seine Lungen protestierten und er fühlte sich, als ob es ihm jeden Moment die Brust zerreißen würde. Ohrenbetäubendes Tosen war zu hören. Wie in Trance drehte er sich im Wasser und sah ihn.

Der gigantische Abgrund, der sich vor ihm auftat, schien das Wasser förmlich in sich hineinzusaugen. In panischer Angst griff er nach einer Felskante, rutsche jedoch ab und trieb weiter auf den Abgrund zu. Noch einmal bekam er einen Stein zu fassen, da griff plötzlich eine Hand nach ihm. Tajeu ergriff sie, wie einen rettenden Strohhalm, und er zog. Er zog mit Leibeskräften so stark er konnte, doch dann war die Hand weg und er fiel.

 

Katiana lag schluchzend am Boden und sah die steile Felswand hinab. Ihre Sicht war verschwommen von Tränen. Tajeu war ihr entglitten. Wie in Zeitlupe hatte sie ihn fallen sehen. Nun lag sie seit einer halben Stunde dort und wartete vergeblich auf ein Lebenszeichen. In der tiefen Schwärze des Abgrunds war nichts zu sehen und nichts zu hören, außer dem Tosen des Wasserfalls. Kurz hatte sie überlegt hinterher zu springen, wenn das Schicksal es so wollte würden sie entweder gemeinsam sterben oder in einen unterirdischen See fallen und so überleben, doch sie hatte nicht den Mut aufgebracht es zu tun.

Nachdem sie sich etwas beruhigt hatte, stand sie auf und packte alle herumliegenden Sachen in ihren Rucksack. Die große Axt schob sie zuletzt durch den Verschluss und überprüfte noch einmal, dass alles gut verschnürt war. Sie hatte einen Entschluss gefasst. Aufgeben war kein Ausweg für sie. Katiana wollte den Abstieg wagen. Tajeus Taschenlampe befestigte sie so an ihrem Rucksack, dass sie über ihre Schulter das Gestein beleuchtete.

Vorsichtig begann sie den Abstieg. Die Felswand war glatt, das Wasser hatte sie über die Jahrhunderte abgeschliffen, dennoch bot sie noch genug Halt um hinabzusteigen. Katiana hangelte sich im spärlichen Licht der Taschenlampe von Vorsprung zu Vorsprung. Wie tief es hinabging konnte sie nur erahnen, daher versuchte sie, so kräfteschonend wie möglich zu klettern. Würde ihr auf der Hälfte der Strecke die Kraft ausgehen, bedeutete das ihren sicheren Tod.
Auf einem kleinen Überhang machte sie Halt um kurz auszuruhen und einen Schluck zu trinken. Außerdem riss sie zwei Fetzen Stoff aus ihren Kleidern um ihre blutigen Hände damit zu umwickeln. Sie hatte sich an dem schlüpfrigen Gestein unzählige kleine Schnitte zugezogen. Als Katiana bereit war, leuchtete sie noch einmal neben dem Vorsprung hinab in die Tiefe um sich einen halbwegs sicheren Weg auszusuchen, dann presste sie sich erneut eng an den kalten Stein und kletterte weiter.

Knapp unterhalb des Überhangs kam sie an einer schwierigen Stelle nicht weiter. Von oben hatte es weit einfacher ausgesehen und im Stillen schalt sie sich eine Närrin, dass sie nicht besser hingesehen hatte.

Gerade als sie ihr Gewicht verlagerte um mit einer Hand nach der Taschenlampe zu greifen und um sich herum nach einem besseren Weg zu suchen, flackerte diese einige Male und ging dann aus. Verzweifelt klammerte sie sich in der undurchdringlichen Finsternis an den Felsen, während sie spürte wie ihr Herz schneller zu schlagen begann und ihr heißer Atem unsichtbare Wölkchen in der kalten Luft hinterließ.

 

Der Fall hinab in die Dunkelheit kam ihm endlos vor. Das Wasser umspielte ihn weiterhin und ließ ihn nicht los. Dann kam der harte Aufprall. Er hatte ihn erwartet, doch im Schwarz der Höhle konnte er ihn nicht kommen sehen. Kalt und erbarmungslos presste er ihm Wasser, und die verbleibende Atemluft aus der Lunge, dann drückte ihn die Kraft des Wasserfalles hinunter. Er spürte, dass er nicht Tod war, doch je länger er dort unter Wasser war, desto mehr verschwand das Gefühl aus seinen Gliedern. Immer dumpfer wurde das Rauschen des fallenden Wassers, es hüllte ihn ein. Es störte ihn nicht, in sich war er seltsam friedlich. Er fühlte keinen Schmerz mehr und war bereit loszulassen. Erst langsam, dann immer schneller kam ihm ein gleißend helles Licht entgegen, doch er hieß es willkommen. Es würde ihn nicht verbrennen, sondern schien ihn mit offenen Armen zu empfangen, dann war sein Kopf plötzlich frei.

Erst konnte er nicht unterscheiden zwischen Wirklichkeit und dem Traum, den er gehabt hatte, doch dann roch er die kühle, frische Höhlenluft, leicht muffig und feucht, doch voller Lebensenergie. Kräftig sog er sie in sich hinein, spürte wie sie seine Lungen füllte. Sein Herz begann zu schlagen, erst zaghaft und schwach, doch nach ein paar Atemzügen begann es kräftig, das Blut wieder durch seinen Körper zu pumpen. Kribbelnd erwachten Hände und Füße wieder zum Leben.

Dann kam der Schmerz.

Die Kälte brannte in seinen Gliedern. Das Wasser umspielte noch immer schwach seine Beine. Vorsichtig tastete er um sich und schaffte es, sich vollends an Land zu ziehen. Mit geschlossenen Augen blieb er liegen und konzentrierte sich nur auf seine Atmung und den Schmerz. Er bedeutete Leben. Nach einer Weile wagte er aufzustehen. Taumelnd machte er einen Schritt nach dem anderen und tastete sich in der Finsternis voran. Als er spürte, dass der Boden trockener und auch wärmer wurde, gewann er zunehmend an Sicherheit. Der Boden wurde immer wärmer und wärmer, bis er so angenehm war, dass Tajeu sich hinlegte und alle Viere von sich streckte. Eingehüllt von Wärme und Geborgenheit schlief er schließlich ein, während seine Kleider begannen zu trocknen.

Ein Name hämmerte immer wieder gegen seine Stirn, bis er ihn aus dem Schlaf riss. Schweißgebadet wachte er auf und sah sich um. Schwaches Licht fiel weit oben durch die Decke der Höhle und hüllte ihn ein. Mühsam erhob er sich. Sein geschundener Körper wehrte sich, jede Faser seines Daseins schmerzte. Tajeu schleppte sich aus dem Licht und sah sich um. Viel war noch nicht zu erkennen. Er ging zu dem Bach, der dem kleinen Krater, in dem der Wasserfall landete, entsprang und kniete sich hin um zu trinken. Während er mit beiden Händen das kühle Wasser zu seinen Lippen führte, fiel es ihm wieder ein. »Katiana«, schrie er und sah den Wasserfall empor.

 

Verzweifelt klammerte sie sich noch immer an den Felsen, unfähig ohne Licht weiter zu klettern. Ihre Muskeln waren verkrampft, sie konnte weder vor noch zurück auf das kleine Plateau. Katiana spielte bereits mit dem Gedanken sich fallen zu lassen, in der Hoffnung, es wäre dann wenigstens schnell vorbei, da hörte sie den Schrei. »Tajeu?«, sie begann zu schluchzen und brachte die Worte kaum heraus. »Du bist am Leben?«
»Ja, ich lebe«, kam die Antwort von unten. »Es ist nicht mehr weit, du hast schon zwei Drittel hinter dir. Zusammen schaffen wir es.«

Katiana schöpfte neuen Mut und spannte alle Muskeln an.
»Streck deinen linken Fuß aus und schieb ihn dann langsam nach außen, dort ist ein kleiner Schlitz in der Wand, du wirst ihn spüren«, langsam und vorsichtig dirigierte er sie nach unten. Er sah, wie sehr sie um jeden Meter kämpfen musste. Als ihr, fünfzehn Meter über dem Boden, endgültig die Kraft ausging, stand er bereits unter ihr. »Katiana?«

»Ja? Ich kann nicht mehr Tajeu, es ist aus …«
»Lass einfach los, ich fange dich auf. Hab keine Angst«, versuchte er sie zu beruhigen.
»Aber das sieht noch sehr hoch aus von hier oben.«
»Ja, das sieht es immer. Bitte vertraue mir. Es sind höchstens zehn Meter. Ich werde dich schon nicht fallen lassen.«
»Okay«, kam es zaghaft von oben, Katianas Stimme zitterte bereits vor Anstrengung, »ich lasse mich jetzt fallen.«
»Ja, ich bin bereit. Lass los.«
Sie atmete noch einmal tief durch, nahm all ihren Mut zusammen und ließ los. Schreiend fiel sie und wurde schneller, doch ehe sie sich versah, griff Tajeu mit seinen starken Armen zu.
Leider hatte er sich etwas verschätzt. Katiana war mit dem vollen Rucksack doch schwerer, als er angenommen hatte. Kurz konnte er sie halten, dann kippte er hinten über und fiel um. Sie landete auf ihm und begrub ihn gänzlich unter sich. Erst begriff sie gar nicht, was geschehen war, dann bemerkte sie, dass Tajeu unter ihr komische Laute von sich gab. So schnell sie es mit ihren schmerzenden Gliedern konnte, sprang sie auf und sah auf ihren am Boden liegenden Freund hinab.

»Tajeu, alles in Ordnung?«, fragte sie verängstigt, doch dann drehte er sich und sie sah, dass er lachte. »Ist das dein Ernst? Du findest das lustig?«
»Nein, ich bin nur erleichtert, dass du da bist und es uns beiden gut geht«, antwortete er und stand ächzend auf.
»Oh Gott, Tajeu«, sie hatte bereits ihre Arme um ihn geschlungen und ihren Kopf zwischen Hals und Schulter begraben.
»Es ist doch alles gut, wir leben noch.«
»Ja, aber weißt du wie die letzten Stunden für mich waren? Alleine an der nassen, kalten Felswand, keine Ahnung ob du überhaupt noch lebst oder ob ich es bis unten schaffe. So alleine habe ich mich noch nie gefühlt.«
»Mir ist es auch nicht besser ergangen. Ich bin mehrmals fast ertrunken. Als ich hier unten auf dem Wasser aufgeschlagen bin, wurde ich so lange hinunter gedrückt, bis ich kein Gefühl mehr in Armen und Beinen hatte.«
»Tut mir leid, das war nicht als Kritik gegen dich gemeint, ich habe mir einfach furchtbare Sorgen gemacht.«
»Komm, lass uns ein wenig in die Nähe des Lichtes gehen, du zitterst ja und mir ist auch schon wieder kalt«, sagte Tajeu und bugsierte sie langsam weg vom Wasser. Während sie sich auf den warmen Boden setzte, holte er seinen Beutel aus dem Rucksack und suchte darin nach den zwei Trinkflaschen, die sie besaßen. Als er fündig geworden war, ging er sie auffüllen um Katiana etwas zu trinken zu bringen. Still saßen sie beide einfach nur da, genossen die Wärme des Bodens und tranken abwechselnd aus einer der Flaschen. Es dauerte nicht lange und Tajeu bemerkte das Knurren seines Magens.
»Hast du auch so Hunger wie ich?«, fragte er Katiana, die nur stillschweigend nickte und eine Konservendose aus ihrem Rucksack zog.
»Oh«, stieß sie mit einem weiteren Blick in den Rucksack aus, »das ist die Letzte. Wir müssen uns dringend etwas zu essen besorgen.«
»Ja, sobald wir aus den Bergen hinaus sind«, sagte Tajeu sanft und öffnete die Dose vorsichtig an einer Felskante. Etwas ging doch daneben.

Während sie aßen, wurde es immer heller und heißer. Sie rutschten immer weiter von dem Streifen, den die herabfallende Sonne in der Höhle hinterließ, weg. Einmal war er so sehr in das Gespräch mit Katiana vertieft, dass er einfach sitzenblieb, bis sein Ärmel zu qualmen begann. Sie mussten beide lachen und er brachte sich schnell in Sicherheit. Als sie soweit waren, ihre Wasservorräte erneut aufgefüllt und das Gepäck fest verschnürt hatten, machten sie sich auf den Weg durch den Berg.

Ein schmaler Pfad folgte dem Bächlein, dass sich aus dem Wasserfall ergoss. Sie wanderten auf und ab, durch weite Schluchten und enge Höhlen. Als es erneut dunkel wurde mussten sie Halt machen. Tajeu hatte unterwegs versucht die Taschenlampe zu reparieren, doch vergebens. Dass es nicht an der Batterie lag hatte er mittels seines Speichels, sowie der Zuhilfenahme von Zeige- und Mittelfinger herausgefunden. Seine Finger kribbelten noch immer unangenehm, wenn er daran dachte.

Sie schlugen ihr Nachtlager in einer kleinen Ecke auf, wo sie sich eng aneinander kuschelten. Feuer konnten sie keines mehr machen, da das Holz aufgebraucht war. Müde vom langen Laufen schliefen sie schnell ein.

Der nächste Morgen kam schneller als ihnen lieb war. Katiana erwachte als erstes, gähnte herzhaft und drehte sich noch einmal um. Sie schlief wieder ein und begann unruhig zu träumen. Verschwommene Bilder zogen vor ihren Augen vorbei. Immer wenn sie versuchte eines davon festzuhalten, entglitt es ihr.

Sanft wurde sie von Tajeu geweckt, er hatte bereits alles gepackt und war marschbereit.

Unterwegs kamen sie erneut an einer der unzähligen unterirdischen Schluchten vorbei, doch diese zog sie besonders in ihren Bann. Das schwache Sonnenlicht brach sich schillernd in den Tautropfen der schlüpfrigen Felswände und glitzerte wie tausend und abertausend funkelnder Sterne. Tajeu legte seinen Arm um Katiana und vergrub sein Gesicht in ihrem blonden Haar. Als er aufsah um Luft zu holen versteifte er sich plötzlich konzentriert.
»Riechst du das auch?«, fragte er seine Gefährtin und sah zu ihr hinab.

Katiana erwiderte seinen Blick, atmete einige Male ein und aus, roch konzentriert und hielt dann ebenfalls inne. »Das … das ist frische Luft, ja ich rieche es auch«, vor Freude schlang sie die Arme um Tajeu und gab ihm einen Kuss auf die Wange.
»Los, lass uns weitergehen«, nur mühsam gelang es ihm sich loszueisen und Katiana an der Hand hinter sich herzuziehen. Sie rannten den Pfad entlang, bis es heller wurde und der Bach sich verbreiterte. Plätschernd bahnte er sich seinen Weg ins Freie. Gleißend helles Licht empfing die beiden.

Als sich ihre Augen daran gewöhnt hatten, schnaufte Katiana enttäuscht auf. Es war nicht der Höhlenausgang, sondern nur eine Art kleines Tal in den Bergen. Ein sehr kleines Tal, wie sie schnell bemerkten. Zum Teil war es von einem großen Felsüberhang geschützt. Anscheinend kam hier die Sonne nie direkt hin, denn die Bäume und Sträucher, die dort standen, waren grün und standen in voller Blüte.

»Das glaube ich ja nicht«, stieß Tajeu keuchend aus, »sieh nur Katiana, dieses Tal muss früher Drogenschmugglern als Farm gedient haben. Das dort vorne ist Marihuana. Unfassbar.« Lachend ging er zu einer der Pflanzen mit den unverkennbaren Blättern, riss eines ab, zerrieb es zwischen seinen Fingern und roch daran.

»Und was, wenn das noch nicht allzu lange her ist und diese Drogenhändler zurückkommen?«

»Ich denke nicht, dass jemand in letzter Zeit hier war. Schau her, die Pflanzen sind längst überreif und bereit zur Ernte«

»Woher weißt du das eigentlich so genau? Du kennst dich so gut damit aus«, sie sah ihn misstrauisch an und wartete auf eine Erklärung.

»Gute Frage«, erwiderte er und schmunzelte.

»Du bist doch hoffentlich kein Junkie, oder?«, fragte sie, als ihr schlagartig klar wurde, wie wenig sie den großgewachsenen Afrikaner doch kannte.

»Nein«, er überlegte kurz, »ich versichere dir, ich verspüre nicht den geringsten Drang das Zeug zu rauchen. Ich glaube ich habe früher, als alles noch normal war, sehr gesund gelebt. Vielleicht war ich ein Polizist, bei der Drogenfahndung und weiß deshalb so viel darüber.« Bei seinen letzten Worten musste er lachen.
Auch Katiana lächelte kurz, doch dann schweiften ihre Gedanken ab. Sie waren nun schon geraume Zeit miteinander unterwegs, doch ihre Erinnerung war noch nicht zurückgekehrt. Dinge wie, wer der aktuelle Präsident gewesen war, oder die Namen der einzelnen Bundesstaaten wusste sie noch. Die Erinnerung daran war klar und deutlich, so als wäre es erst gestern gewesen, dass sie die Staaten in der Schule gelernt hatte.
»Ich weiß woran du denkst«, mit diesen Worten riss Tajeu sie aus ihren Gedanken, »mir geht es genauso. Ständig denke ich daran, was passiert ist und wer ich bin.«

»Ich fühle mich einfach so hilflos, verstehst du? Natürlich vertraue ich dir und ich glaube, ich wäre mit niemandem lieber hier unterwegs als mit dir, aber trotzdem kenne ich dich eigentlich nicht. Ja nicht einmal du selbst kennst dich«, mittlerweile hatten sich die zwei unter einen Baum ins Gras gesetzt. Katiana strich mit der Hand über das, noch leicht feuchte, Grün und atmete tief ein. »Herrlich ist es hier, oder?«, wechselte sie geschickt das Thema.

»Ja und es wird wahrscheinlich für eine ganze Weile das letzte Mal sein, dass wir so etwas zu Gesicht bekommen.«

»Ich weiß, aber lass es uns noch etwas genießen, dann gehen wir weiter. Schade, dass es keine Apfelbäume sind, ich hätte wirklich Lust auf einen Apfel. Frisch, groß, rot und saftig.«

»Hör auf damit«, Tajeu lachte und schupste sie um, »ich habe auch so schon genug Hunger.«

»Ja, ich hoffe wir finden bald etwas zu essen.«

Eine Weile lagen sie noch so da, sahen hinauf in das Geäst der Bäume und genossen die sanfte Brise, die sie umwehte.
Als sie aufstanden und weitergehen wollten, hielt Tajeu noch einmal inne.

»Warte«, er ging zu den Hanfpflanzen hinüber und riss einfach einige aus dem Boden, »vielleicht sind sie uns noch nützlich und wenn es doch nur für den ersten Rausch unseres Lebens ist.« Er stopfte sie in seinen Beutel und verschnürte ihn fest.
Wieder zurück in der Höhle, folgten sie weiter dem Pfad. Das Rauschen des Wassers hüllte sie ein und so trotteten sie eine Weile gedankenversunken hintereinander her.
Nach einigen Stunden, die Mittagszeit musste gerade vorüber sein, wurde die Höhle immer enger und zog sich zu einem Tunnel zusammen. Kurz darauf passierten sie einige enge Windungen. Hinter jeder Biegung wurde es etwas heller und bald standen sie wieder in einer großen, lichtdurchfluteten Höhle. Am Ausgang machten sie Halt. Zu dieser Zeit konnten sie unmöglich nach draußen. Sie würden sofort verbrennen. Geduldig setzten sie sich und warteten.

Ab und zu versuchten sie ihren Hunger zu stillen, indem sie so viel Wasser wie möglich aus dem Bach tranken, was jedoch nur mäßigen Erfolg zeigte. Sie konnten das Hereinbrechen der Nacht kaum erwarten.

Als es soweit war, setzten sie ihren Weg fort. Der Bach, der mittlerweile zu einem kleinen Fluss angewachsen war, führte sie durch ein kleines Tal. Auch hier waren alle Bäume verbrannt.

Jegliches Grün, dass hier einst geblüht haben musste, war der zerstörerischen Kraft des Feuers zum Opfer gefallen.

Dem Tal folgte ein ehemals sehr dicht bewachsener Wald, den sie rasch durchquerten. Die verkohlten Stümpfe boten keinerlei Schutz in der bergigen Landschaft. Am Ende des Tals wartete eine kleine Hügelkette auf sie. Oben angekommen sahen sie das erste Stück Zivilisation seit langem. Eine schmale Straße, begrenzt durch eine Mauer, schlängelte sich entlang der Hügel.

Katiana und Tajeu setzten sich nebeneinander auf die Mauer und sahen sich in Ruhe um. Ihnen bot sich ein gewaltiger und atemberaubender Anblick.

Unten im Tal erstreckte sich das Land bis zur weit entfernten Küste. Hier und da waren einige Städte zu erkennen, doch das, was in ihnen ein Kribbeln verursachte, war etwas Anderes. Am Fuße des Berges lag eine große Stadt, und Zerstörung, soweit das Auge reichte. Es war eine Stadt aus Ruinen. Hier und da brannten noch Feuer und während sie ihre Blicke schweifen ließen, stürzte mit lautem Krachen einer der Wolkenkratzer ein. Im Fallen riss er noch zwei andere Gebäude mit sich und blieb dann, in einem seltsam unnatürlichen Winkel gegen ein anderes Haus gelehnt, liegen.
Eine Weile saßen sie bereits auf der Mauer, als lautes Donnergrollen die beiden Ausschauhaltenden vor Schreck zusammenfahren ließ. Katiana drehte sich um und erblickte eine gewaltige Front aus rabenschwarzen Gewitterwolken.

»Sieh nur Tajeu«, stieß sie erschrocken aus, »solche Wolken habe ich noch nie zuvor gesehen, da bin ich mir sicher. Wenn das Gewitter gleich losgeht, müssen wir uns irgendwie in Sicherheit bringen.«

»Ja, du hast recht, lass uns schnell gehen.«

Sie sprangen auf und liefen los. Immer weiter die Straße entlang, denn sie würde die beiden Flüchtenden in die Stadt führen. Immer und immer wieder donnerte es über ihren Köpfen und ab und zu durchzuckte ein gleißend heller Blitz den bewölkten Nachthimmel. Sie zuckten jedes Mal erschrocken zusammen, denn das Gewitter war direkt über ihnen. So nah, dass man fast meinen konnte, es verfolge sie. Immer größer wurden die Gebäude der Stadt, bis sie schließlich hoch vor ihnen aufragten. Gerade passierten sie ein Verkehrsschild, das den Namen der Stadt auf sich trug, als die Wolken sich öffneten und der Regen auf sie nieder zu prasseln begann. Erst bemerkten sie nichts und liefen normal weiter. Als sich Tajeu jedoch kurz zu Katiana herumdrehte, sah er, dass ihre Kleidung qualmte.

»Sieh nur, was ist das?«, fragte er und wurde langsamer, damit sie zu ihm aufholen konnte.

»Oh Gott, ich weiß es nicht«, erschrocken sah sie zu ihm und bemerkte, dass auch er dampfte.

»Mist, ich glaube ich habe eine Idee, was es sein könnte«, erwiderte er. »Saurer Regen, es ist saurer Regen. Nur dass dieser hier so sauer ist, dass er zu Säure geworden ist. Verdammt, los wir müssen uns beeilen, wenn es noch schlimmer wird, frisst es uns erst die Kleider und dann das Fleisch von den Knochen.«

Das ließ sich seine Begleiterin nicht zweimal sagen. Sie nahm die Beine in die Hand und lief, als sei der Wahrhaftige persönlich hinter ihr her. Doch so schnell sie auch rannten, das Unwetter war schneller.

Ein gutes Stück vor der Stadt holte es sie ein. Regentropfen prasselten auf ihre Köpfe, wo sie sich mit einem unangenehmen Zischen und einer kleinen Rauchwolke durch ihre Haare fraßen. Katiana reagierte sofort und hob ihren Rucksack über den Kopf. Leider konnte sie nun nicht mehr ganz so schnell laufen. Mit einem Blick über die Schulter bemerkte Tajeu was Katiana getan hatte um sich zu schützen und tat es ihr gleich. So hasteten die beiden auf die Stadt zu. Die ersten Häuser, etwas außerhalb der Stadt, die in Sicht kamen, spornten sie noch einmal zusätzlich an. Sie passierten gerade den vermoderten Gartenzaun, als die Türe des Hauses, auf das sie zuhielten, geöffnet wurde. Ein Junge stand dort und winkte ihnen hektisch hereinzukommen. Das ließen sie sich nicht zweimal sagen und stürmten in das Gebäude.
Innen war es noch dunkler als draußen, doch der Junge machte gleich Licht. Die Öllampe warf unheimliche Schatten an die Wand, während es im Freien über ihren Köpfen donnerte und der Regen immer heftiger gegen die Wände und das Dach prasselte.

»Kommt mit, wir haben uns im Keller eingerichtet. Wir wissen nicht wie sicher es hier oben ist«, sagte ihr Retter und zeigte auf eine Treppe, die nach unten führte.

Während sie die Treppe hinabstiegen, sahen sich die beiden etwas genauer um. Wände und Decke des Gebäudes schienen aus massivem Beton zu sein. Tagsüber heizte es die Sonne vermutlich ordentlich auf, konnte dem Haus aber keine größeren Schäden zufügen, was es bewohnbar machte.

Der Keller war groß, jemand musste ihn von Hand erweitert haben. An den Wänden hingen weitere Öllampen und hüllten den Raum in schwaches Licht.

»Legt eure Taschen dort ins Eck«, sagte er und ging in die andere Ecke des Raumes um ihnen nicht im Weg zu stehen.

Sie sahen sich Rucksack und Beutel an. Bis auf einige kleine Löcher, welche die Säure hineingefressen hatte, waren sie zum Glück unversehrt. Auch ihre Jacken waren noch einigermaßen in Takt. Zu guter Letzt untersuchten sie sich noch einmal eingehend auf Verätzungen, doch sie stellten schnell fest, dass sie wirklich Glück im Unglück gehabt hatten und von Schlimmerem verschont geblieben waren.
»Ilona, ich habe Gäste mitgebracht«, rief der Junge laut, woraufhin aus einem Gang in der Ecke des Raumes ein Mädchen angelaufen kam. Sie war älter als der Junge, Katiana schätzte sie auf achtzehn. Gerade erwachsen.
»Oh Arn, was werden Mutter und Vater dazu nur sagen?«, sie blickte besorgt drein. »Nun gut, trotzdem willkommen bei uns. Mein Name ist Ilona und das ist mein Bruder Arn. Wer seid ihr und wo kommt ihr bei dem Wetter denn her?«

Katiana und Tajeu stellten sich vor, erzählten wie sie den Weg durch die Berge gefunden und schließlich die Stadt entdeckt hatten und beteuerten, dass sie keine Umstände machen wollten.
Gerade wollte Ilona antworten, da knurrte Tajeus Magen entsetzlich.

Die junge Frau hörte es und bot ihnen sofort etwas zu essen an. »Oh ihr müsst furchtbar hungrig sein«, sagte sie und eilte aus dem Raum. Die anderen drei Anwesenden folgten ihr. Katiana staunte nicht schlecht, als sie plötzlich in einer erstaunlich gut ausgestatteten Küche standen. Über einer kleinen Feuerstelle hing ein provisorisch mit einer Kette befestigter Kochtopf, in dem es leise Blubberte. Ilona griff sich zwei Teller von einem Regal und füllte mit einer Kelle etwas vom Kesselinhalt hinein.
»Was ist das?«, fragte Katiana misstrauisch, als sie die Pampe erblickte, die aussah, als sei sie schon einmal gegessen worden.
»Oh das ist ein Eintopf aus Kartoffeln, Karotten, etwas Kohl und was wir sonst noch finden konnten«, sie lächelte schwach und hielt ihnen die Teller hin, »ich weiß es sieht nicht sehr appetitlich aus, schmeckt aber hervorragend. Unser Vater war früher Koch.«

Sehr zögernd nahmen sie das Essen entgegen und probierten vorsichtig mit dem Löffel, den Arn jedem von ihnen reichte.
»Wartet nur ab, ihr werden es mögen«, sagte der Junge und strahlte sie an.

Merkwürdige Ausdrücke traten auf die Gesichter der beiden, doch dann grinsten sie.
»Es schmeckt hervorragend, Ilona. Du hast wirklich nicht untertrieben«, lobte Tajeu sie und begann hektisch sich das Essen hineinzuschaufeln.
»Mutter und Vater kommen wohl erst morgen früh heim. Sie sind in die Stadt um zu handeln, aber da das Wetter sich so entwickelt hat, wird es wohl länger dauern als sonst«, erklärte Ilona, als sie fertig mit essen waren. »Ihr seid sicher müde. Dort drüben schlafen Arn und ich, ihr könnt euch dort etwas hinlegen, wenn ihr wollt.«
»Danke, das ist wirklich sehr nett von dir, aber wir wollen euch wirklich nicht …«, sie verstummte Abrupt. »Tajeu, irgendetwas stimmt nicht. Mir wird plötzlich so schummrig.«

»Katiana?«, er hatte sie bei den Schultern gepackt, doch sie reagierte schon nicht mehr. Er wollte sie gerade auf eine der Matratzen legen, als ihm selbst auch schwindelig wurde.

»Was …«, er hatte sich zu den Kindern umgedreht, doch mehr brachte er nicht mehr heraus, dann brach auch er zusammen.

Alle Rechte vorbehalten ® 07. September 2017 |06:13 Uhr

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