#2 Freunde und Feinde

Der große, schwarze Vogel flog laut krächzend davon. Langsam erholte er sich wieder von dem Schrecken.

 

Tajeu warf sonst nichts so leicht aus der Bahn, jedoch war der Rabe das erste Lebewesen, das er zu Gesicht bekommen hatte, seit er vor einigen Stunden zu sich gekommen war. Der große, dunkelhäutige Mann sah sich nach allen Seiten um, jedoch deutete nichts darauf hin, dass noch jemand außer ihm den Vogel bemerkt hatte. Geschweige denn, dass überhaupt jemand außer ihm in der Nähe war.

Seit er nun durch die Stadt streifte, hatte er nichts außer Tod und Verderben vorgefunden. Die Fragen in seinem Kopf verlangten nach Antworten, doch er war sich sicher, dass es lange Zeit dauern würde, bis er sie bekommen sollte.
Sich nach allen Seiten umsehend, huschte er weiter über den Platz, darauf bedacht keine Geräusche zu machen. Als er an einer der großen Ruinen angekommen war, knurrte sein Magen. Ihm wurde bewusst, dass er sich etwas Essbares suchen musste, wenn er überleben wollte. Ein leises Scharren in seinem Rücken riss ihn aus seinen Gedanken. Er fuhr herum und sah ihn.
Ein großer, wilder Hund stand nur wenige Fuß von Tajeu entfernt, die scharfen Reiszähne gebleckt. Speichel ran seine Mundwinkel herab und topfte zu Boden. Sein verfilztes Fell stand zottelig in alle Richtungen ab.
Das Tier war abgemagert und hungrig, er konnte in seinen kleinen Augen die Gier auf frisches Fleisch sehen. Noch ehe der große Mann reagieren konnte fing der Hund an, laut zu bellen.
Plötzlich schien der Platz zum Leben zu erwachen. Mehr als ein Dutzend Hunde, einer furchteinflößender als der andere, krochen aus allen erdenklichen Löchern und versammelten sich hinter ihrem Artgenossen. Tajeu reagierte blitzschnell und rannte in das Gebäude. Kaum hatte er die Treppe erreicht, hörte er, wie das hungrige Rudel hinter ihm losstürmte. Mit großen Schritten nahm er immer zwei Stufen auf einmal, bis er das vierte Stockwerk erreicht hatte. Warum er hier abbog wusste er selbst nicht, doch als zu seiner Rechten eine intakte Tür auftauchte machte sich in ihm Erleichterung breit. Er stürmte in den Raum und schlug die Türe kraftvoll zu. In der Toilette war es eng. Sich mit dem Rücken an der Wand abstützend, stemmte er seine Beine senkrecht gegen die Türe. Nicht lange und die Hunde hatten ihn erreicht. Mit lautem Knallen und dem Kratzen von Krallen, krachten die Tiere gegen das massive Holz, vermochten es jedoch nicht zu durchbrechen. Verkrampft hielt er dagegen, seine Muskeln zum Zerreißen gespannt, als ihm der faulige Geruch in die Nase stieg. Ruckartig riss er seinen Arm empor um durch den Stoff seines Hemdes zu atmen, dann sah er sich um. Der Raum in dem er sich befand war offensichtlich die Herrentoilette des Stockwerkes. Über einer der beiden Toiletten, die Türe zur Kabine stand offen, hing eine Leiche, in deren Kopf eine große Feuerwehraxt steckte. Als er sich an den Gestank der Verwesung gewöhnt hatte ließ er seinen Arm wieder sinken. Er wusste, dass die Axt seine Rettung bedeutet
e, doch so sehr er sich auch strecken würde, sie war außer Reichweite. Nachdem er eine gefühlte Ewigkeit dort ausgeharrt hatte, ließ das Kratzen und Bellen allmählich nach. Einige weitere Augenblicke später entspannte er sich etwas und löste seine Beine aus der verkrampften Haltung. Vorsichtig stand er auf und lehnte sich gegen das Holz um einem erneuten Angriff zumindest etwas Widerstand bieten zu können. Nervös drückte er die Klinke mit zitternden Händen nach unten und zog am Griff. Leise, ohne ein Geräusch, öffnete Tajeu die Türe einen Spalt breit und spähte hindurch. Von den Tieren war nichts zu sehen, er war wieder alleine.
Den Raum verließ er nicht, ohne sich vorher die Axt zu holen. Mit einem lauten Schmatzen löste er sie aus dem Kopf des Toten. Leise schritt er auf den Gang hinaus, seine neue Waffe hoch erhoben. Die Sonne schickte bereits ihre ersten Strahlen durch die Fenster. Tajeu hob seinen Arm vors Gesicht, geblendet von dem grellen Licht. Mit zusammengekniffenen Augen bemerkte er den schwachen Qualm, der von seinem Arm aufstieg und zog sich mit einem Schmerzensschrei wieder in die Schatten zurück. Die Sonne war so heiß, dass sie ihm den Arm verbrannt hatte. Erst jetzt bemerkte er, dass ihm der Schweiß von der Stirn perlte und auch sein T-Shirt schon feucht war. Dem großen Mann war klar, wenn die Sonne weiter stieg, dann würde es immer heißer werden, bis es selbst für ihn unerträglich wäre. Vorsichtig streckte er einen Fuß ins Licht hinaus. Sofort begann sein Hosenbein zu qualmen und zu zischen. Er musste zurück, hinab in das Erdgeschoss des Gebäudes, denn nur von dort aus würde er in die Kellerräume gelangen, wo er hoffentlich in Sicherheit war.
Immer bedacht, sich im Schatten zu halten, stieg er die Stufen hinab, bis er im Erdgeschoss angelangt war. Das heiße Licht der aufgehenden Sonne tauchte den Platz vor ihm in helles Licht, von den Hunden war keine Spur zu sehen. Das ferne Knarzen und Knacken der Autos signalisierte ihm, dass die Hitze sogar hier ganze Arbeit verrichtete. Ein leises Klicken ließ ihn aufhören, es war nicht vom Platz vor ihm gekommen. Angespannt fuhr er herum. Ein kleiner Mann stand auf der Treppe hinter ihm und zielte mit einer Pistole auf ihn. »Oh Mist«, stieß er aus, als er sah, dass der große Afrikaner ihn bemerkt hatte, und drückte ab. Tajeu machte einen Satz und entkam der Kugel knapp. Noch ehe der Fremde regieren konnte, sprang er auf ihn zu, die Axt hoch erhoben. Mit vor Schreck weit aufgerissenen Augen blickte dieser an sich herab, auf die Klinge in seiner Brust. Auch Tajeu riss die Augen auf und ließ die Axt los, als er realisierte, was er gerade getan hatte. Sein Gegenüber brach zusammen und blieb regungslos auf der Treppe liegen. Er beugte sich herab und zog die Waffe aus seinem Torso, dabei rollte der kleine Mann herum und Tajeu sah den Beutel, den er umhängen hatte. Geschickt befreite er den Toten davon und sah hinein. Darin befanden sich einige Sportriegel, eine Cola Dose und Munition für die Waffe, die er ebenfalls zu den anderen Dingen in den Beutel legte und ihn sich umschnallte. Es wurde Zeit seinen Weg fortzusetzen und irgendwo einen sicheren Unterschlupf zu finden. Nach einigen Schritten fiel ihm das Klappern des Bündels auf seinem Rücken auf. Die Gegenstände schlugen bei jeder Bewegung aneinander. Tajeu eilte zurück zu dem Mann und befreite ihn von seinem T-Shirt, riss es in Streifen und wickelte die Pistole, die Cola Dose und die Munition darin ein. Lautlos ging er weiter, verließ nun endlich das Gebäude und bog nach links ab um im Schatten der Ruinen den Platz hinter sich zu lassen. Als er um die Ecke bog stand er plötzlich in einer Straße, an deren Ende ein Park zu erkennen war. Die Bäume waren kahl und sahen verbrannt aus, das sengende Licht verschonte nichts. Die Sonne stand etwas abseits der Häuser, so spendeten die Gebäude vor ihm immer noch reichlich Schatten, so dass er sich entlang der Straße bewegen konnte. Die Läden waren ausgebrannt. Es gab nichts mehr, weswegen es sich gelohnt hätte eines der Geschäfte zu betreten. Dinge, die vom Feuer verschont blieben, waren mittlerweile längst entdeckt und weggeschleppt worden. Er setzte seinen Weg durch die Straße fort, als er plötzlich aus dem Laden vor sich ein Geräusch vernahm. Leise schlich er sich näher heran und spähte um die Ecke. »Hier gibt es nichts mehr zu finden, du Idiot«, zwei Männer standen dort und unterhielten sich flüsternd. »Wie kannst du dir da so sicher sein, Jacob?«
»Sieh dich doch mal um, Mason, alles ist verbrannt oder schon geplündert worden«, wies Jacob seinen kleinen, untersetzten Freund zurecht und machte Anstalten wieder auf die Straße zurückzukehren. Tajeu reagierte blitzschnell und zog sich hinter das Gebäude zurück. Keine Sekunde zu spät, denn im nächsten Augenblick traten die beiden zwielichtigen Gestalten aus dem Geschäft heraus und sahen sich aufmerksam nach allen Seiten um. Erst jetzt bemerkte Tajeu die Waffen der beiden. Jacob trug eine abgesägte Schrotflinte und der kleine Mason eine Machete. »Wir sollten zurück zum Unterschlupf, ehe die Sonne noch weiter steigt«, Jacob nickte mit dem Kopf in Richtung Straßenende. »Und was ist mit Charlie? Er fehlt noch ...?!«
»Ist mir egal. Besser er bleibt weg, konnte ihn sowieso nie leiden«, sagte der dicke Riese mit einem gehässigen Grinsen und setzte sich in Bewegung. Mason folgte ihm und lachte unangenehm hoch und meckernd. Der große Afrikaner in seinem Versteck erschauderte, so abstoßend waren die zwei Kerle. Dennoch setzte er zur Verfolgung an. Die beiden hatten von einem Unterschlupf gesprochen, vielleicht gab es dort etwas zu essen und zu trinken, seinen neu gewonnenen Proviant wollte er noch nicht opfern.
Er folgte ihnen die Straße entlang, bis sie schließlich in eine Gasse abbogen und dort einen kleinen Laden betraten. Tajeu näherte sich dem Gebäude und spähte vorsichtig hinein. Eine gläserne Theke teilte den Raum in zwei Hälften, das Glas war noch intakt und schimmerte leicht im schwachen Licht. Er sah, wie Dick und Doof sich bückten, dann vernahm er das Scharren von Metall. Kurz keuchten und ächzten die beiden noch, dann war es wieder still. Tajeu sah sich kurz um, ob auch sonst niemand in der Nähe war, ließ seinen Blick dann wieder in den Laden schweifen und stutzte. Die beiden waren verschwunden. Unentschlossen was er tun sollte, betrat er im nächsten Moment kurzerhand das Gebäude und sah sich um. Von den Fremden war keine Spur zu sehen.
Gerade wollte er hinter die Theke treten, da hörte er erneut das metallische Schaben. Als es verklungen war löste er sich aus seiner Starre und spähte hinter die Auslage. Das Metallgitter fiel ihm sofort ins Auge und er lief darauf zu. Auf Knien, das Ohr so dicht es ging an das Gitter gepresst, horchte er in die Dunkelheit hinab und vernahm leise die Schritte von Mason und Jacob. Mühsam darauf bedacht, bloß keinen Laut zu verursachen, hob er das Gitter aus der Verankerung und legte es bei Seite. Während er hinabstieg setzte er den Deckel wieder ein und ließ sich dann in das Halbdunkel des Abwasserschachtes hinabfallen. Zu seiner Linken vernahm er die Schritte der beiden, die schwach von den Tunnelwänden widerhallten. Tajeu folgte ihnen mit etwas Abstand um sie nicht auf sich aufmerksam zu machen. Würden sie ihn hier bemerken, gab es wenig Ausweichmöglichkeiten um der Schrotflinte Masons zu entkommen. Abrupt blieb er stehen, als er bemerkte, dass die zwei Schatten vor ihm ebenfalls Halt gemacht hatten. »Verdammt, hier sind wir noch nie hinuntergestiegen. Ist das überhaupt die richtige Richtung?«
»Wird schon stimmen und jetzt lauf weiter!« Dick und Doof gingen weiter, sie hatten nicht den leisesten Hauch einer Ahnung, dass sie verfolgt wurden. Nicht lange und von vorne waren erneut ihre Stimmen zu hören: »Na was haben wir denn da?« Der Klang von Jacobs Stimme jagte Tajeu einen Schauer über den Rücken, dann hörte er den spitzen Aufschrei. »Geht weg, lasst mich in Ruhe«, rief die Stimme, die eindeutig zu einer Frau gehörte. »Aber warum denn, mein Kind? Du kannst uns vertrauen, Mason und Jacob sind deine Freunde«, die Stimme des Großen klang jetzt honigsüß und schmeichlerisch. Tajeu wusste genau was sie mit ihr vorhatten, er musste eingreifen. Er hob die Axt hoch empor und nahm Anlauf. Die beiden Männer waren zu verdutzt als der große, dunkelhäutige Mann mit hoch erhobener Axt und wutentbranntem Gesicht aus der Dunkelheit des Schachtes auf sie zu gerannt kam. Ehe sich Jacob versah, steckte die Axt bereits in seiner Seite. Tajeu riss sie heraus und hieb nach Mason, der sich jedoch mittlerweile wieder gefangen und den Stiel des Beils zu fassen bekommen hatte. Für einen kurzen Moment brachte er Tajeu damit aus dem Gleichgewicht, doch dann siegte die Kraft des breitschultrigen Mannes und er entriss Mason das Holz wieder. Kräftig trat er nach seinem gleich-großen Gegenüber, der strauchelte und gegen die Wand des Ganges prallte. Ehe er reagieren konnte, kam die Klinge der Axt herangesaust und trennte sauber seinen Kopf vom Rumpf. Tajeu hob seine Waffe erneut und beendete so auch das Leben Jacobs, der es nicht einmal mehr richtig mitbekam. Kaum hatte er die Axt wieder an sich genommen, sah er zu der Frau auf dem Vorsprung empor und hob beide Hände zum Zeichen, dass er ihr nichts tun würde. »Leg die Axt beiseite, dann komme ich herunter«, wies sie ihn an. Darauf bedacht keine ruckartigen Bewegungen zu machen, die sie hätte erschrecken können, legte er seine Waffe auf den Boden und lehnte sich dann lässig gegen die Wand. »Dir ist aber schon bewusst, dass ich gut das doppelte von dir wiege und es ein leichtes für mich ist, dich zu überwältigen, oder?«
»Nun, dafür habe ich ja das hier«, erwiderte sie und zeigte ihm ein langes Messer, »ich heiße übrigens Katiana.«
»Tajeu«, sagte er und streckte ihr die Hand hin, welche sie zögernd ergriff. Die Frau, die ungefähr in seinem Alter sein musste, war ihm auf Anhieb sympathisch und auch sie schien ihm gegenüber nicht abgeneigt zu sein.
»Los, hilf mir die beiden Kerle zu durchsuchen, sie haben sicherlich nützliche Dinge dabei.«
»Du meinst außer einer Schrotflinte und einer Machete?«, fragte er und zwinkerte ihr zu. Sie lächelte und gemeinsam machten sie sich daran alles Brauchbare einzustecken. Tajeus Magen knurrte laut, woraufhin Katiana beunruhigt zu ihm hinübersah. »Wie lange hast du nichts mehr gegessen?«
»Mittlerweile sind es doch schon einige Stunden, seit ich zu mir gekommen bin. Aber wie lange ich ohnmächtig war, weiß ich nicht.« »Verstehe«, antwortete sie und fuhr fort, »ich kann mich an nichts mehr erinnern, weder wie das passiert ist, noch wer ich bin oder besser, wer ich war. Einzig mein Name ist mir nach einigen Tagen wieder eingefallen. Wie sieht es mit dir aus, Tajeu?« Mittlerweile saßen die beiden nebeneinander auf dem kleinen Vorsprung, Katiana hatte Tajeu eine der Dosen aus dem Supermarkt gegeben. »Mir geht es ähnlich wie dir, ich bin vor einigen Tagen zu mir gekommen. Ich lag in einem dunklen Keller unter Schutt begraben. Frag mich nicht, wie ich es geschafft habe mich dort heraus zu kämpfen. Ich bin anschließend über den großen Platz gelaufen, von einer Krähe beinahe zu Tode erschreckt worden, dann kamen die Hunde. Sie verfolgte mich in eines der Gebäude. Ich konnte mich aber in der Toilette einschließen und warten, bis sie weg waren. Als ich dann, nachdem die Sonne bereits aufgegangen war, wieder nach unten gekommen bin wäre ich von einem Komplizen der zwei hier beinahe erschossen worden. Ich habe ihn getötet und das Bündel bei ihm gefunden, wenig später bin ich über die zwei gestolpert und bin ihnen bis hier her gefolgt.« Gerade als Katiana antworten wollte, hörten sie Schritte und Stimmen von den Tunnelwänden widerhallen. Die Frau hielt ihren Zeigerfinger an die Lippen und deutete Tajeu mit der anderen Hand ihr zu folgen. Sie kletterte Geschickt auf den Vorsprung empor und verschwand in der Dunkelheit. Er bemühte sich es ihr schnell gleich zu tun. Auf dem Vorsprung angekommen staunte er nicht schlecht, sie hatte sich ein richtiges Lager eingerichtet. Hastig stopfte sie ihre Sachen in den Rucksack zu ihren Füßen und warf ihn sich über die Schulter. »Gehen wir«, forderte sie ihn auf und kroch in einen kleinen Gang hinein. Tajeu wurde es etwas mulmig. Seine Größe war ihm in solchen Situationen oft ein Hindernis, aber er ging ebenfalls in die Knie und folgte seiner neuen Begleiterin. Ein Knick tauchte im Tunnel vor ihnen auf, als sie hinter sich die überraschten Ausrufe mehrerer Männer und einer Frau hörten, sie hatten ihre Kameraden entdeckt. Die beiden Flüchtenden verhielten sich ganz still um auf keinen Fall nicht auf sich aufmerksam zu machen. »Wer hat das getan?«, erklang es im Gang unter ihnen.
»War hier nicht irgendwo eine Frau unterwegs? Jemand meinte er hätte was gesehen ...«
»Egal, lasst uns die beiden mitnehmen, dann gibt es heute Abend warmes Fleisch zu essen«, die Stimme der Frau hüpfte bereits vor freudiger Erregung bei dem Gedanken ihre Kameraden zu verspeisen. Katiana und Tajeu lief es eiskalt den Rücken herunter, beiden drehte sich der Magen um, bei der Vorstellung wie die grausame Bande die Toten kochen und essen würde. Als die Geräusche leiser wurden und sich die Schritte weit genug entfernt hatten, wagte die junge Frau zu sprechen. »Mir ist schlecht, sie sind nicht mehr als Tiere. So sehr ich auch Hunger habe, ich würde nie so weit gehen einen anderen Menschen zu essen«, sagte sie, während ihr Gesichtsausdruck nichts als reinen Ekel zeigte. Tajeu nickte zustimmend und schüttelte sich leicht, als ein erneuter Schauer von seinem Nacken bis in die Lenden zog. Sie krabbelten aus dem Schacht, verließen den Vorsprung und suchten den nächsten Kanaldeckel um anhand des einfallenden Lichtes abschätzen zu können, wie lange die Sonne noch brennen würde. »Wenn ich mich nicht irre, dann müssen wir mindestens noch drei Stunden warten bis wir an die Oberfläche können, besser aber vier, um sicher zu gehen, dass sich alles ausreichend abgekühlt hat«, stellte Katiana fest.
»Verdammt lang. Wir müssen hier weg, falls sie wiederkommen ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie uns haben.«
»Wenn wir aber nicht wissen wo ihr Lager ist, woher wissen wir dann in welche Richtung wir laufen müssen?«
»Ich weiß es auch nicht, aber ich denke wir sollten es versuchen. Alles ist besser als warten und wir sind bewaffnet, zur Not können wir uns schon wehren«, Tajeu lächelte sie zuversichtlich an und lief los. »Am besten ist es, wir laufen unter der Stadt hindurch und folgen dem Tunnelsystem, bis es uns ins Freie führt.« Gemeinsam durchquerten sie das unterirdische System aus Gängen. Nach mehreren Abzweigungen, den Rückweg würden sie so leicht nicht wiederfinden, kamen sie an einer Art Auffangbecken an. Mehrere Zuleitungen flossen in das große Becken und wurden von dort aus in mehrere Richtungen wieder hinausgeführt. Sie sahen einige Ratten davonhuschen und auch im Wasser hatte sich etwas bewegt. Sie schenkten den Tieren keine Beachtung, setzten sich jedoch für einen Moment an den Rand des Beckens um zu überlegen, in welche Richtung es nun weitergehen sollte. Katiana wollte gerade etwas zu ihm sagen, als eine andere Stimme im Gang hinter ihnen erklang.
»Jetzt haben wir euch«, die Frau von vorher, Tajeu erkannte sie an der Stimme, trat aus dem Tunnel heraus. Ihr höhnisches Grinsen war nicht zu übersehen, sie streckte ihnen eine geladene Waffe entgegen. »Ihr könnt rauskommen Jungs«, flötete sie triumphierend und lachte kreischend mit weit aufgerissenem Mund, in dem schwach ihre verfaulten Zähne zu erkennen waren, »ich habe sie.« Speichel flog in alle Richtungen davon. Das Schlurfen in den Gängen zu ihrer Rechten und Linken kündigte ihre Begleiter an. Diese hatten ebenfalls Pistolen und Gewehre in ihren Händen. »Ich glaube das gibt einen richtigen Festschmaus heute Abend«, sagte einer von ihnen. Er war groß, untersetzt und sah ebenso ungesund wie seine Kameraden aus.
»Was meint er mit Festschmaus?«, fragte Katiana, die sich ängstlich an Tajeu drängte. »Er meint, dass sie uns essen werden. Deswegen haben sie vermutlich auch ihre beiden Kameraden vorher mitgenommen, habe ich recht?«
»Ganz recht «, grinste die Frau ihn an. Katiana sackte gegen ihn, sie war ohnmächtig geworden. Tajeu hielt sie vorsichtig fest, da bekam er einen Schlag ab und alles wurde schwarz um ihn herum.

Sein Kopf pochte unangenehm, ihm war schwindelig und schlecht, als er langsam wieder zu sich kam. Träge öffnete er die Augen und sah sich um. Verschwommen erkannte er Holz, Tücher und etwas weiter entfernt ein Feuer.
Sie saßen in einer Art Käfig, der notdürftig aus modrigen Holzleisten zusammengenagelt worden war.
Als er versuchte sich etwas zu bewegen, bemerkte er die Fesseln. Stramm hatten sie ihm Arme und Beine verschnürt, sodass er sich kaum regen konnte. Seine steifen Glieder protestierten bereits. Jede Faser seines geschundenen Körpers schmerzte. Als er neben sich eine Bewegung wahrnahm, drehte er sich leicht. Erst jetzt bemerkte er Katiana. Langsam kam sie zu sich und sah sich um. »Tajeu, was ist passiert?«, murmelte sie benommen.
»Ich weiß es nicht, kurz bevor du zu dir kamst bin ich aufgewacht. «
»Diese Schmerzen«, sagte sie und rieb sich die Augen, bevor sie sich den Kopf hielt und ihn zwischen die Knie zog, »es tut so weh. Brummt dein Kopf auch so?«
»Ja«, antwortete Tajeu, ein besorgter Ausdruck machte sich auf seinem Gesicht breit, »sie scheinen uns irgendetwas verabreicht zu haben.«
»Oh seht her«, kam es von außerhalb des Käfigs, »sie sind aufgewacht.« Die Frau, mit der sie auch schon in der Kanalisation geredet hatten trat an ihr Gefängnis heran und fuhr mit einer Metallstange über die Bretter, dass es laut klapperte. »Hör bitte auf damit«, bat Katiana sie und verzog das Gesicht vor Schmerz, auch Tajeu dröhnte der Krach in den Ohren und verstärkte das Pochen in seinem Kopf zusätzlich. »Wie kannst du es wagen …«, spie die Frau aus und stieß die Stange durch das Gitter hindurch direkt in Katianas Magen, die in sich zusammensackte und vor Schmerz laut aufstöhnte.
»Lass das«, sagte Tajeu wütend und lenkte so die Aufmerksamkeit der Peinigerin auf sich. Gerade wollte diese sich ihm widmen, als eine kräftige Stimme hinter ihr erklang. »Viola, du sollst doch nicht mit dem Essen spielen. Hat dir das niemand beigebracht?«, laut lachte er und trat ins Licht. Sein Gesicht war vernarbt, eine Augenhöhle leer und mit Haut verwachsen. Er sah zum Fürchten aus.
»Doch natürlich Boss, Verzeihung«, erwiderte sie und buckelte vor ihm, bevor sie sich ins Dunkel zurückzog.
»Versucht zu schlafen, bald ist es vorbei … und außerdem macht Ruhe das Fleisch zart«, sagte er mit eiskalter Stimme zu ihnen, ehe auch er sich abwandte und zurück zum Feuer ging. Katiana, die sich mittlerweile wiederaufgerichtet hatte, lehnte sich gegen seine Schulter und legte ihren Kopf darauf ab. »Tajeu«, flüsterte sie ihm ins Ohr, »wir müssen hier irgendwie weg.«
»Ich weiß. Aber wie? Ich kann mich keinen Millimeter bewegen. Du etwa?« Sie fing an zu schluchzen, warme Tränen liefen sein Schlüsselbein herab und wurden vom Stoff seines T-Shirts aufgesogen. Am liebsten hätte er sie in den Arm genommen. Da das aber nicht ging, hielt er still, bis sie sich wieder beruhigt hatte.
»Bitte verzeih, ich weiß wir kennen uns kaum und ich sollte stark sein«, entschuldigte sie sich mit leicht heißerer Stimme, »aber ich war so lange alleine und du scheinst der erste halbwegs normale Mensch in dieser grausamen neuen Welt zu sein.«
»Schon gut, du brauchst dich nicht entschuldigen«, beruhigte er sie sofort und lächelte zu ihr herab, »ich bin auch sehr froh dich getroffen zu haben. Versuch jetzt, noch etwas zu schlafen, während ich mir überlege, wie wir von hier entkommen.« Sie nickte und schmiegte sich noch enger an ihn. Obwohl es nicht kalt war, genoss er ihre Wärme und sah besorgt zum prasselnden Feuer hinüber. Er hatte nicht die leiseste Ahnung, wie sie entkommen sollten. In Gedanken zählte er die Gestalten, die er im flackernden Schein erkennen konnte. Es waren elf oder zwölf, ganz sicher war er sich nicht.
Noch während er so in die Ferne sah, umhüllten ihn der Duft des brennenden Holzes und das sanfte Flackern und er schlief ein.

Ein lauter Knall weckte sie. Rufe überall um sie herum und hektische Menschen, die sich bewegten. Es war wieder Tag. Jetzt erst erkannte Tajeu wo sie sich befanden. Das Lager der Kannibalen war im Rumpf eines gewaltigen, in zwei Teile gebrochenen, Schiffes. Das Licht fiel durch die breite Kluft hindurch und erhellte das Geschehen.
Sie wurden angegriffen.
Von überall her waren Schüsse und laute Schreie zu hören.
Er stieß Katiana in die Seite, eine andere Möglichkeit sie zu wecken gab es durch die Fesseln nicht. Augenblicklich erwachte sie und blinzelte erschrocken.
»Was … was ist los?«
»Ein Angriff, sie werden angegriffen«, antwortete er ihr, während seine Augen dem Geschehen vor ihnen folgte. Männer schlugen aufeinander ein, hatten sie dazu keine Waffen, so taten sie es mit den bloßen Fäusten. Gerade sah er, wie der Anführer der Kannibalen, Narbengesicht, seinen Gegner mit einem einzigen Fausthieb niederstreckte, da tauchte Viola vor dem Käfig auf. »Glaubt ja nicht, dass ihr uns entkommen werdet«, sagte sie und grinste höhnisch. Plötzlich bemerkte sie aus dem Augenwinkel eine schnelle Bewegung, konnte aber nicht mehr reagieren. Ein Baseballschläger traf sie am Hinterkopf. Sie flog mit solch einer Wucht gegen die Bretter des Gefängnisses, dass diese barsten und sie im Inneren des Käfigs neben Katiana zum Liegen kam. Der Angreifer schenkte den beiden nicht die geringste Aufmerksamkeit. Er griff hinter den Haaransatz der Frau, riss mit der anderen Hand ihr Kinn herum und brach ihr so das Genick. Den Schläger hinter sich her schleifend, lief er zurück zum Geschehen um sich sein nächstes Opfer zu suchen.
So verschlafen sie auch war, Katianas Reaktion war bemerkenswert. Sie drehte sich, griff zu und zog der Menschenfresserin das verrostete Messer vom Gürtel. Nicht lange und sie hatte die Seile, welche ihre Arme auf dem Rücken gehalten hatten, durchtrennt und Tajeu befreit. Beide rieben sich die schmerzenden, blutleeren Arme, besannen sich jedoch sofort und gingen in die Hocke. Geduckt huschten sie, hinter Zelten und anderen Gegenständen des Lagers Deckung suchend, in Richtung der Lücke in der Außenhülle des stählernen Kolosses davon. Gerade schien der Moment gekommen, in dem sie unbemerkt entkommen konnten, da tauchte plötzlich Narbengesicht auf. »Bleibt stehen, ihr entkommt mir nicht!«, rief er wutentbrannt und stürmte auf sie zu.
»Lauf!«, rief Tajeu Katiana zu und stieß sie von sich. Einige Schritte taumelte sie, stürzte fast, fing sich dann aber wieder und rannte auf die rettende Lücke zu. Dort angekommen, drehte sie sich noch einmal um und sah, wie der große Afrikaner, von einem Fausthieb getroffen, zu Boden ging. Die Hand vor dem Mund, lief sie weiter während stumme Tränen über ihre Wangen rannen.

Zunächst hielt sie sich an der Außenwand des Schiffes um nicht in den heißen Schein der Sonne zu geraten, der ihre Haut innerhalb von Sekunden verbrennen würde, doch dann war Schluss. Der Schatten hörte vor ihr auf. Um in die vor ihr liegende Stadt zurück zu kommen musste sie ein großes Stück im Licht laufen. Die Verzweiflung übermannte sie. Hektisch sah sie sich um, konnte jedoch keinen anderen Ausweg finden, als einfach loszulaufen und das Beste zu hoffen. Sie nahm all ihren Mut zusammen, drückte sich von der Schiffswand ab und rannte. Keine drei Meter weiter drehte sie wieder um, ihr Haar hatte bereits Feuer gefangen. Zurück im Schatten klopfte sie die zischenden Flammen schnell aus, da fiel ihr etwas ins Auge. An der Wand des Schiffes standen die Blechplatten ein wenig ab, auch hier hatte die immerwährende Hitze ihren Tribut gefordert. Die Bolzen mit denen die Bleche ursprünglich am Stahlgerüst befestigt waren, fehlten. Katiana griff zu und riss mit all ihrer Kraft an der Platte. Mit einem ächzenden Laut gab diese ein Stück nach und kam ihr entgegen, dann ging alles sehr schnell. Sie stürzte nach hinten, riss dabei das Blech mit sich, das sich gänzlich aus der Wand löste und auf sie fiel. Mühsam rappelte sie sich wieder auf und sah sich das Stück Metall genau an. Auf der Innenseite waren knollenartige Bolzen angebracht, die für das Einrasten in der Schiffswand gedacht waren. Ihr würden sie als Griffe dienen. Katiana zog sich ihr Oberteil aus und Riss es in zwei Teile, mit denen sie ihre Hände umwickelte, ehe sie nach den Halterungen am Blech griff und es sich über den Kopf hielt. Es war schwer, aber die Angst verlieh ihr Kraft und so rannte sie geduckt los. Das Blech zischte und begann sich zu verformen. Sie spürte wie der Stoff um ihre Finger immer heißer wurde, bevor es jedoch unerträglich werden konnte, war sie im Schatten der Häuser angelangt. Sie warf das Blech von sich und sah sich noch einmal um, von Tajeu war nichts zu sehen. Ihr stiegen erneut die Tränen in die Augen und sie lief weiter. Der Schatten der Gebäude führte sie weg vom Frack, bis ans Ende der Stadt. Ein Meer aus verkohlten Baumstämmen deutete dort die einst üppige, grüne Vegetation an. Dichte Wälder hatten sich bis an die fernen Berge gedrängt, doch das war Vergangenheit. Katiana wusste, dass sie warten musste, bis es erneut Nacht wurde. Sie versteckte sich in einem der Häuser unter der Treppe. Nicht lange und sie war eingeschlafen.

Tajeu rappelte sich wieder auf. Narbengesichts Hieb hatte ihn hart getroffen. Noch im Aufstehen sah er den nächsten Schlag kommen und riss seinen Arm empor um ihn abzuwehren. Die Faust seines Gegners krachte gegen seinen Unterarmknochen und prallte ab. Überrascht von der Gegenwehr, taumelte Narbengesicht nun seinerseits zurück und rieb sich die schmerzende Faust. Tajeu sprang auf und platzierte seinen Hieb gut gezielt in der Magengrube des entstellten Mannes, der keuchend und nach Luft schnappend auf den Boden sank. Er hustete und keuchte. »Eines muss ich dir lassen«, sagte er zu ihm und erhob sich wieder, »deine Schläge sind nicht von schlechten Eltern, du weißt wie man austeilt.« Mit einer schnellen Bewegung zog er ein langes Messer aus einem Halfter an seinem Bein.
»Und du«, keuchte Tajeu angestrengt, während er die Arme empor riss und der heransausenden Klinge auswich, »weißt offensichtlich nicht, was ein fairer Kampf unter Männern ist.« Mit einem geschickten Sprungkick trat er Narbengesicht das Messer aus der Hand. Eine weitere Drehung, und er zog seinem Gegner die Füße unter dem Körper weg. Sofort war er mit erhobener Faust über ihm und schlug ohne zu zögern mit aller Kraft zu. Der Kopf seines Gegners flog nach hinten, und er bewegte sich nicht mehr. Narbengesicht war ohnmächtig. Verblüfft über seine Fähigkeiten erhob sich der Afrikaner und blickte umher, rings um ihn herum war das Geschehen noch immer voll im Gang. Geduckt schlich er sich näher heran und entdeckte seinen Beutel und die Schrotflinte, so wie ein silbrige Folie, welche sich bei genauerem Betrachten als eine Art Cape herausstellte. Er nahm alles an sich und huschte unbemerkt zur Schiffswand. Draußen angekommen, hielt er vorsichtig die Silberfolie in die Sonne. Seine Annahme bestätigte sich, die Folie war ein Schutz vor den brennend-heißen Strahlen der Sonne. Schwungvoll warf er es sich über und trat hinaus ins Licht. Einen kurzen Moment stand er angespannt da und wartete ab was passierte, als er jedoch bemerkte, dass sich die Folie nur leicht erhitzte, lief er los. Schon bald war er an den nahen Häusern angekommen, da bemerkte er seinen Verfolger. Ein hässlicher Kerl mit spitzen Zähnen und einem nicht sonderlich intelligenten Gesichtsausdruck huschte, ebenfalls unter einer der Folien verborgen, über den Kai. Tajeu lief um die nächste Ecke und wartete. Nicht lange und sein Verfolger kam ebenfalls um das Haus herum. Er begrüßte ihn mit einem Schlag des Griffs seiner Flinte ins Gesicht. Mit einem weinerlichen Laut brach er zusammen und blieb auf dem Boden liegen. Blut rann aus seiner Nase und lief sein Kinn hinab. Gerade als Tajeu sich zu ihm hinabbeugen wollte, flog die Folie raschelnd davon. Er stürzte hinterher und bekam sie gerade noch an einem Eck zu fassen. Während er sich wieder umwandte, bemerkte er aus den Augenwinkeln eine Bewegung. Der Mann am Boden hatte zum Bund seiner Hose gegriffen und eine Pistole herausgezogen. Tajeu reagierte sofort. Mit einem Klicken lud er die Schrotflinte durch, zielte und drückte ab. Kurz zuckte der Mann auf und blieb dann regungslos liegen, sein Oberkörper war von Blei durchsiebt. Die Folie unter den Arm geklemmt lief er zu ihm hin und nahm die Waffe an sich. Er kehrte dem Toten den Rücken zu und setzte im Schatten der Häuser seinen Weg fort. Bald kam er an der Grenze zwischen der Stadt und dem ehemals üppigen, grünen Wald an. Soweit er sehen konnte, war nirgends eine Spur von Katiana auszumachen. Ohne zu zögern, warf er sich sein Cape über und ließ das letzte Haus hinter sich. Die darin schlafende Frau hatte er nicht bemerkt.
Mit großen Schritten hatte er in der letzten halben Stunde ein ganzes Stück Weg hinter sich gebracht. Die Folie leistete gute Dienste und schützte ihn vor der Hitze, so dass er sich ungestört frei bewegen konnte. Als es langsam zu dämmern begann machte er an einer kleinen Felsgruppe Halt und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Aus dem Rucksack holte er einen der Riegel und biss genüsslich hinein. Gerade als er prüfend den Felsen betastete, um zu sehen ob er noch heiß war, fiel ihm auf, was ihn stutzig gemacht hatte, als er die Stadt hinter sich ließ. Katiana hatte nichts gehabt um der Sonne zu trotzen, wie hätte sie weiter vorankommen sollen als er. Im Stillen schalt er sich einen Narren, ließ von dem Gestein ab und trat den Rückweg zur Stadt an. Seine Begleiterin und lieb gewordene Freundin musste sich in einem der Häuser versteckt haben um Schutz zu suchen, bis die Sonne untergegangen war. Als die Stadt erneut in Sichtweite kam hörte er bereits die lauten Schreie Katianas. Sie schrie, als ob sie unter starken Schmerzen litt. Langsam schlich er sich an das erste Haus heran und sah sofort was dort vor sich ging. Drei der Menschenfresser standen dort, zwei von ihnen hielten Katiana fest und der dritte hielt einen roten Stab in den Händen, mit dem er sie immer wieder an verschiedenen Stellen des Körpers berührte. Jedes Mal schrie sie wie am Spieß und wand sich in den Armen ihrer Peiniger. Ihm ging auf, was der Stab war.
Ein Elektroschocker.
Die Wut, die nun in ihm heranwuchs, war ihm neu und fremd, doch in diesem Moment hieß er sie freudig willkommen. Seine gewaltigen Muskeln waren bis zum Äußersten gespannt. Er griff in den Beutel und zog die Pistole heraus. Mit einem leisen Klicken lud er sie und zielte auf den Kerl, der den Schocker benutzte. Ruhig lag er da, die Arme ausgestreckt, und zielte auf den Kopf des Mannes. Als er sich sicher war, drückte er ab. Wie in Zeitlupe flog das Projektil aus der Mündung der Waffe, Tajeu verfolgte den Flug und sah, wie sie in den Kopf des Mannes eintrat. Erst passierte nichts, doch dann begann er zu fallen. Seine beiden Kameraden realisierten was passiert war, ließen die Frau los und verschwanden zwischen den Häusern. Tajeu sprang auf, verstaute im Rennen die Pistole wieder im Beutel und lud die Schrotflinte mit einem Klicken durch. »Bleib wo du bist«, rief er seiner Gefährtin zu und rannte an ihr vorbei, die Waffe im Anschlag. Als er um die Ecke bog, konnte er gerade noch einem Axthieb ausweichen, nutzte den Schwung der Drehung um seine Waffe auf den Angreifer zu richten und drückte ab. Der Kopf des Mannes explodierte und Blut spritzte durch die Gegend. Er wollte erneut abdrücken, doch die Munition war alle. Er warf die Flinte von sich und griff nach seiner alten Axt auf dem Boden. Endlich hatte er sie wieder. Nach dem zweiten der verbleibenden Kannibalen musste er nicht lange suchen, dieser sprang ihn von hinten an und rang ihn zu Boden. Tajeu stieß ihm den Ellenbogen in die Seite, rollte sich von ihm weg und sprang auf. Seine Axt sauste durch die Luft und traf den Mann in die Seite. Mit einem Fußtritt brach er ihm das Nasenbein, zog die Axt aus seinem Fleisch und trennte mit einem sauberen Hieb den Kopf vom Hals. Plötzlich verebbte seine Wut. Er stand einfach nur da und sah mit leerem Blick auf den Leichnam herab. Wie ferngesteuert schulterte er seine Axt und trat zwischen den Häusern hervor. Katiana, die ihn sofort bemerkte, rannte auf ihn zu und fiel ihm um den Hals. Seine Starre löste sich und er vergrub sein Gesicht in ihrem langen, blonden Haar. »Wir haben es geschafft, jetzt sind wir frei«, flüsterte er sanft und drückte sie fest an sich.
»Oh Tajeu«, schluchzte sie, »ich bin so froh, dass du gekommen bist und mich vor diesen Scheusalen gerettet hast. Ich hätte es keine Minute länger ausgehalten.« Sanft löste sie sich von ihm und zeigte ihm die roten Flecke und Blutergüsse auf ihrem nackten Oberkörper, einzig ihre Brust war verschont geblieben, geschützt unter dem Stoff des BHs. Zärtlich fuhr der Afrikaner mit seiner Hand über ihre Haut.
»Warum tun Menschen so etwas? Was ist nur aus dieser Welt geworden?«, fragte sie ihn traurig.
»Ich weiß es nicht«, erwiderte er und sah ihr tief in die Augen, »diese Situation, sie scheint die tiefsten Instinkte in den Menschen wach zu rufen, auch wenn es nicht die besten sind.« Kaum, dass er ausgeredet hatte, zog sie ihn mit den Armen um seinen Hals zu sich, blickte tief in seine Augen und küsste ihn. Tajeu wusste nicht wie ihm geschah, doch nach einigen Sekunden erwiderte er den Kuss liebevoll. Es fühlte sich gut und richtig an.
Als sie sich voneinander lösten, sah sie ihm noch kurz verlegen in die Augen und wandte sich dann ab.
»Ich glaube wir sollten gehen«, sagte er zu ihr und ergriff ihre Hand. Glücklich und froh, die Bedrohung hinter sich zu lassen, liefen sie in ihren silbernen Schutzumhängen dem Sonnenuntergang entgegen.

Alle Rechte vorbehalten ® 07. Juli 2017 |23:43 Uhr

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Kommentare: 2
  • #1

    B.R. (Samstag, 08 Juli 2017 15:55)

    Ein kleines bisschen Kitsch...
    Gut gelungen ist der schmale Grat zwischen Kannibale und Mensch.
    Was mich allerdings interessieren würde, in welcher Stadt spielt die Geschichte? Oder ist es immer noch die Stadt aus dem Intro? Wie geht es überhaupt den Protagonisten aus dem Intro?

  • #2

    Timo (Dienstag, 11 Juli 2017 06:57)

    Hallo B.R.,

    gedulde dich doch einfach und warte auf die nächsten Kapitel ;)
    Vielleicht erfährst du dort mehr.
    Würde ich gleich am Anfang alles verraten, wäre es ja langweilig, oder?

    Viele Grüße
    Timo