#1 Böses Erwachen

Katiana durchstreifte das Unterholz auf der Suche nach etwas Essbarem. Mit ihrer Taschenlampe leuchtete sie in das Dunkel des Waldes hinein und konnte trotz des hellen Lichtkegels kaum die Hand vor Augen sehen. Schnell setzte sie ihren Weg fort und kam wieder auf dem schmalen Pfad an, der sie aus dem verkohlten Dickicht herausführen würde. Geduckt huschte sie zurück zu den großen Betonruinen. Ihr Bündel lag noch genau dort wo sie es abgelegt hatte. Sie packte das Gefundene hinein und verschnürte alles wieder sicher. Jetzt war es soweit, sie würde sich aus der Stadt herauswagen um in einem der unzähligen Vororte nach etwas Essbarem zu suchen. Ihr Magen knurrte ununterbrochen, so hungrig war sie.

Vor zwei Tagen war die junge Frau in einem der Gebäude unter einem Haufen Schutt zu sich gekommen. Begraben unter den Trümmern, war sie gut geschützt gewesen. Hungrig, ausgemergelt und schwach, aber doch am Leben. Sie wusste nicht was passiert war, noch wo sie sich befand oder was ihr die Erinnerung genommen hatte. Die gesamte Stadt war zerstört, als ob sie Opfer eines Bombenangriffs geworden war. Die hohen Gebäude waren umgestürzt, hatten andere Bauten unter sich begraben oder blieben an ihnen hängen. Es war ein verstörendes Bild. Die Welt die sie kannte, hatte sich verändert. Wohin sie auch gegangen war, keine Menschenseele weit und breit. Aber Leichen, soweit das Auge reichte. Als hätten Tod und Zerfall persönlich diesen Ort heimgesucht. Seit sie nun wieder bei Sinnen war, wanderte sie ziellos umher, stets auf der Suche nach etwas Essbarem oder anderen praktischen Dingen, die sie verwenden konnte. Meistens beachtete sie den Hunger gar nicht, doch gerade jetzt, bei dem Gedanken daran was sie alles Leckeres finden konnte, war es unerträglich.

Die junge Frau warf sich ihr Bündel über die Schulter und wandte sich der Straße auf der anderen Seite des Waldes zu. Sie würde sie in den nächsten Ort und hoffentlich zu Essen führen. Eine kalte Brise wehte ihr das blonde Haar ins Gesicht und ließ sie erschauern. Es war etwas unheimlich in dieser gottverlassenen Stadt, aber Katianas Hunger siegte.

Der Weg den sie zurücklegen musste war nicht weit, aber sie lief leise und blieb immer wieder stehen um zu lauschen, ob sie von irgendwoher merkwürdige Geräusche vernahm. Sie wusste, dass sich in der Gegend auch noch andere Leute herumtrieben. Sie war vorsichtig was Bekanntschaften mit Fremden in dieser neuen Welt anging. In der Ferne tauchte ein Gebäude auf. Schon bald erkannte sie, dass es früher eine Tankstelle gewesen war. Bei genauerer Betrachtung fiel ihr jedoch auf, dass das Gebäude komplett zerstört war. Die Treibstofftanks waren wohl bei der Hitze tagsüber in die Luft geflogen und hatten es zum Einsturz gebracht. Nicht lange und sie hatte den Ortseingang erreicht. Das Ausmaß der Verwüstung war größer, als sie angenommen hatte. Die Explosion der Tankstelle hatte auch das Nebengebäude getroffen. In der Seite klaffte ein gewaltiges Loch. Neugierig trat sie näher heran. Es war stockdunkel im Inneren, doch sie hatte ja zum Glück die Taschenlampe. Mit einem leisen Klicken schaltete Katiana die Lichtquelle ein und richtete den Leuchtkegel auf das Loch. Sie staunte und runzelte leicht die Stirn. Sie verstand nicht, was sie dort sah. Schwarze Linien bedeckten den Boden, fein geordnet in Reih und Glied. Vorsichtig stieg sie durch die Öffnung und sah sich noch einmal um. Als ihr Blick nach oben glitt fiel ihr die Balustrade auf, nun verstand sie, wo sie sich hier befand. Das große Gebäude war einmal eine Bibliothek gewesen, daher stammten auch die Linien. Wo sie den Raum durchzogen, hatten früher die mächtigen Regale gestanden. Sie waren auch dem Feuer zum Opfer gefallen. Einen Raum weiter, er war kleiner als der Saal, lag ein Berg Asche an der Wand. Neugierig ging Katiana darauf zu. Sie hoffte einige Bücher zu finden, die das Chaos überlebt hatten. Tatsächlich wurde sie beim Durchwühlen des Haufens fündig. Sie zog drei leicht angeschmorte Exemplare eines Schulbuches heraus, sowie einige Kriminalromane. Sie packte so viele wie möglich in ihren Beutel und verschnürte ihn wieder fest. Froh, wenigstens etwas gefunden zu haben, trat sie wieder hinaus auf die Straße. In den nächsten Gebäuden fand sie nichts außer einem Rucksack. Er war halb zerrissen, aber mit den Stofffetzen ihres Bündels konnte sie ihn notdürftig flicken. Sie freute sich, denn so konnte sie endlich mehr tragen. Viele Dinge hatte sie schon zurücklassen müssen, obwohl sie ihr nützlich erschienen waren.

Mit großen Schritten schlenderte sie die breite Hauptstraße entlang, die Träger ihres neuen Fundes fest umklammert.

Die Nacht hatte ihren Höhepunkt erreicht. Es war stockdunkel finster. Als einzige Lichtquelle, die schwach die Umgebung beleuchtete, stand der Mond hoch über ihr. Sie konnte die Taschenlampe draußen nicht verwenden, es wäre zu auffällig und die Batterie würde schon bald den Geist aufgeben. Unweit tauchte eine Treppe auf, die nach rechts vom Weg wegführte. Katiana sah sich noch einmal um und stieg dann hinab auf den großen Parkplatz eines Einkaufszentrums. Bestimmt war hier schon jemand gewesen, aber vielleicht hatten sie nicht alles mitnehmen können. Das Glas der großen Eingangstüren war zersplittert und Scherben übersäten den Boden. Ohne zu zögern stieg sie ein und knipste die Taschenlampe an. Es sah aus, als ob eine Bombe eingeschlagen hätte. Regale waren umgeworfen, Lebensmittel über den Boden verstreut und leere Getränkedosen überall herumgeworfen worden. Doch davon ließ sich die junge Frau nicht entmutigen. Sie durchsuchte Regal um Regal, Auslage um Auslage und sogar die Kühltruhen, doch sie wurde nicht fündig. Alle Lebensmittel die sie fand waren entweder vertrocknet oder faulig. Gerade als sie den Rückzug antreten wollte, sah sie in einer der Kühltruhen einen seltsam geordneten Kartonhaufen. Er wirkte fast so, als ob jemand damit absichtlich etwas hatte abdecken wollen. Sie beugte sich hinab und hob vorsichtig einige Kartonagen beiseite. Was darunter zum Vorschein kam, ließ ihr fast Tränen in die Augen fließen. Ein kleiner Haufen Konservendosen lag gut geschützt am Boden der Truhe. Mit zitternden Fingern beugte sie sich hinab und holte einige heraus. Es waren Bohnen mit Speck, Nudeln in Tomatensoße und ähnliches. Die perfekte Überlebensration. So viel sie tragen konnte, stopfte sie in ihren neuen Rucksack. Gerade als sie sich nach den letzten Dosen bücken wollte, hörte sie Glasscherben knirschen. Sie schaltete ihre Taschenlampe aus. Vor Angst wie gelähmt, hielt sie inne, ja wagte es kaum zu atmen. Sie dachte einen kurzen Moment daran, sich das nur eingebildet zu haben, doch dann vernahm sie leise Stimmen im dunklen Markt. Auf Zehenspitzen schlich sie sich in den hinteren Teil der Halle zurück und suchte die Türe zum Lager. Als sie fündig wurde, zwängte sie sich vorsichtig durch den schmalen Spalt und verschwand in der absoluten Dunkelheit des Hinterzimmers. Nicht lange und die Stimmen waren so nahe, dass sie etwas verstehen konnte. »… lasst uns jetzt die restlichen Konserven einsammeln und bei Tagesanbruch brechen wir auf. Es wird Zeit, dass wir uns einen neuen Markt suchen, bevor wir nichts mehr zu essen haben.« »Das klingt gut, George.« »Ja, finde ich auch.« Es waren drei, erkannte sie anhand der unterschiedlichen Stimmen. Sie lauschte weiter, konnte jedoch keine anderen Stimmen erkennen. »Los lasst uns weitergehen, ich will fertig werden, Walter«, George hatte erneut gesprochen. »Schon gut«, antwortete ihm dieser missmutig. Katiana hörte, wie sie ihren Weg fortsetzten, kurz darauf jedoch erneut Halt machten. »Was zum …?«, fluchte der dritte im Bunde. Sie mussten bei der Kühltruhe angekommen sein, die ihre heimliche Beobachterin vor wenigen Minuten erst geleert hatte. »Und was nun?«, fragte Walter. »Es ist egal, wir haben noch genug versteckt. Sucht es, dann treffen wir uns am Eingang. Wer zuerst da ist beginnt das Feuer zu machen.« Die beiden anderen nickten vermutlich, Katiana konnte es jedoch weder sehen noch hören. Die drei gingen in unterschiedliche Richtungen davon. Kurz darauf hörte sie es leise rascheln. Sie mussten auch noch andere Verstecke gehabt haben, die sie nun leerten. Die Beobachterin wartete geduldig in ihrem Versteck und konnte bald den orangenen Schimmer und das schwache Flackern eines Feuers ausmachen. Sachte streckte sie ihren Kopf durch den Spalt und sah sich in der Halle um. Es schien, als ob sie die Suche beendet hatten und bereits alle drei um das Feuer saßen. Das Flackern wurde immer stärker, nun konnte sie deutlich die Umrisse der Fremden sehen. Ruhig und friedlich saßen sie da und wärmten ihr Essen an den Flammen auf. Es fing bereits jetzt an köstlich zu duften, auch wenn es vermutlich nur Konserven waren. Katianas Bauch rebellierte, doch sie konnte sich zusammenreißen. Nun hieß es warten und beobachten.

Als sie nach einigen Minuten das schnelle huschen einiger Schatten sah, wurde sie stutzig, dann ging alles sehr schnell. Ein Schuss, Walter fiel getroffen um und blieb regungslos liegen. Erst bemerkten seine beiden Kameraden es gar nicht, doch dann brach die Hölle los. George und der andere sprangen auf und schienen sich gegen einige Angreifer zu wehren, doch keine Chance. Es waren zu viele. Als es vorüber war, Katiana saß noch immer regungslos in ihrem Versteckt, teilten die Angreifer das gefundene Gut unter sich auf und verschwanden wieder im Dunkel. Das Feuer brannte weiter.

Etliche Minuten später saß sie noch immer in ihrem Versteck und hatte es nicht gewagt aufzustehen. Als sie sich wieder halbwegs sicher fühlte, erhob sie sich und schlich zu dem Feuer um das Brennmaterial einzusammeln. Viel war es nicht, aber immerhin ein bisschen. Sie wusste, es war nun an der Zeit den Rückweg anzutreten. Die Straße fand sie schnell wieder und lief zügigen Schrittes Richtung Stadt. Nach einer Weile, der Weg zurück kam ihr viel kürzer vor, als der Hinweg, tauchten bereits die ersten Ruinen in der Ferne auf.

Wieder zwischen den Häusern angekommen, wurde der Weg beschwerlicher. Mit einem Blick in Richtung des fernen Horizontes bemerkte sie das Leuchten der aufgehenden Sonne. Es wurde Zeit sich in den sicheren Schatten des Untergrundes zu begeben.

Die Sonne schob sich unaufhaltsam weiter über die Ruinen, während sie zwischen Glasscherben und kaputten Möbeln hindurchkletterte. Bis zum Kanaldeckel war es noch ein gutes Stück, sie wollte nicht trödeln und somit in Gefahr geraten. Gerade schob sie einige Trümmer beiseite, als sie aus dem Augenwinkel etwas wahrnahm. In einer fließenden Bewegung drehte sie sich um und beobachtete den kleinen Platz neben dem Gebäude mit zusammengekniffenen Augen. Sie wagte kaum zu atmen.

Sie wusste nicht wer es war. Gut möglich, dass die Angreifer vom Supermarkt nun auch sie aufgespürt hatten, oder aber es handelte sich um wilde Tiere. Erst einige Tage zuvor hatte sie ein Rudel Wildhunde herumstreunen sehen, die Tiere waren angriffslustig und hungrig. Eine Frau, die noch dazu alleine unterwegs war, würde sie nicht abschrecken anzugreifen.

Hinter einem Auto flatterte krächzend ein Rabe auf und Katiana zuckte erschrocken zusammen. Als sich auch nach mehreren Minuten des starren Wartens nichts tat, atmete sie erleichtert auf und entspannte sich etwas. Vorsichtig schlich sie auf Zehenspritzen weiter um keine unnötigen Geräusche zu verursachen. Sie verließ das Gebäude und betrat die Lücke zwischen den Ruinen, die an den großen Platz angrenzte. Zu ihrer Linken ragte ein weiteres Hochhaus auf, sie konnte nur nach rechts auf den Platz oder geradeaus weiter in das nächste Gebäude. Noch immer alarmiert sah sie erneut hinter sich und auf den Platz, ehe sie die Ruine vor ihr betrat. Hier war es dunkler. Trümmer verdeckten die Fenster und der Weg war verschlungener, er führte sie in einem willkürlichen Muster durch die Korridore und Stockwerke. Oben angekommen spähte sie noch einmal auf die freie Fläche hinunter, konnte jedoch auch jetzt nichts entdecken. Geschickt kletterte sie über die Brüstung der Dachterrasse und sprang auf das nächste Gebäude. Noch während ihre Fußspitzen den neuen Grund berührten rollte sie sich instinktiv ab und entging so der Gefahr sich bei dem riskanten Sprung zu verletzen. Durch das intakte Treppenhaus gelangte sie in das Erdgeschoss und von dort aus auf die Straße. Ein kleiner Park, in dem jetzt nur noch verbrannte Bäume standen, wuchs auf ihrer linken Seite aus der Dämmerung empor. Sie lief auf eine Gruppe verkohlter Parkbänke zu, vor denen ein zerkratzter Kanaldeckel im Boden auszumachen war. Entschlossen griff Katiana mit ihren zierlichen Fingern in die kleinen Löcher und hob ihn aus der Verankerung. Mit der Taschenlampe leuchtete die junge Frau in die tiefe Schwärze hinab, als sie das laute Gebell der Wildhunde vernahm. Hastig klemmte sie sich die Lampe zwischen die Zähne und stieg in den dunklen Schacht hinab, den Deckel über sich zuziehend. Nicht lange und sie hatte ihren üblichen Schlafplatz wiedergefunden. Der kleine Vorsprung war nur schwer zu erreichen und noch schwieriger zu entdecken. Noch ehe die Sonne ganz aufgegangen war, schlief sie ein, eingewickelt in die Tücher, welche sie auf ihren Streifzügen der letzten Tage gefunden hatte.

Alle Rechte vorbehalten ® 22. Juni 2017 |23:56 Uhr

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