#0 Endzeit – Legende: Intro

Morgan streckte noch einmal den Kopf über den Rand seines Monitors und sah sich um. Kein Chef in Sicht. Er atmete erleichtert auf. Ohne zusätzliche Aufgaben oder weitere Besprechungen in den Feierabend zu entkommen war zu einer Seltenheit geworden. Der große, schlaksige Mann stand auf, schaltete den Bildschirm aus und warf sich mit einer eleganten Bewegung seine dünne Jacke über die Schulter. Zügig verließ er das Büro, den Kollegen ein schönes Wochenende wünschend, und trat hinaus in die belebte Einkaufspassage. Unterwegs blieb er an dem Schaufenstermonitor eines IT-Fachgeschäftes hängen. In den Nachrichten war eine Grafik zu sehen, in der mehrere Meteoriten auf die Erde zurasten, ein Wissenschaftler saß wild gestikulierend daneben und kommentierte das Geschehen.

»Ich verstehe diese Fanatiker nicht, irgendwann wird es doch langweilig«, dachte er sich und ging weiter. Im Parkhaus angekommen, sprang er in sein Cabriolet und fuhr los. Er war auf dem Weg zu einem guten Freund, der ihn zum Grillen eingeladen hatte. Das Wetter war traumhaft, es war lange hell und noch dazu war Freitag, ein perfekter Tag. Anthony, er nannte ihn Tony, lebte am Rande der Stadt in einem großen Haus mit einem ebenso großen Garten. Meistens war er es, der alle Freunde zu sich einlud, da es sich anbot. Als Morgan bei ihm ankam, lehnte sein Freund schon am Gartentor und wartete auf ihn. Er hielt und Tony stieg ein. »Hi, du bist unerwartet pünktlich«, begrüßte er ihn. »Erstaunlich, oder? Mein Chef war nicht in Reichweite, da bin ich schnell geflüchtet.« »Gut«, Tony musste lachen, »ich glaube, bei Walmart wird die Hölle los sein. Hast du von der Meteorenwarnung gehört? « »Ja, die Leute drehen vollkommen durch.«
Während der Fahrt unterhielten sie sich darüber, wie leicht man Menschen Panik machen konnte und wie unbegründet diese Angst doch war. Als sie bei Walmart auf den wirklich unvorstellbar riesigen Kundenparkplatz fuhren, traf sie fast der Schlag. Die Hölle war ein Witz dagegen. Die Autos parkten nicht in Reih und Glied, wie sonst üblich, sondern standen wahllos angeordnet in einem Chaos, das seines gleichen suchte. »Shit«, stieß Tony aus und schlug mit den Handflächen auf die Abdeckung des Handschuhfaches, »so schlimm habe ich es mir jetzt auch wieder nicht vorgestellt.« »Ach wird schon lustig werden«, Morgan grinste, »ich parke am Straßenrand. Zeit genug haben wir ja bis die anderen kommen.« »Eigentlich dachte ich, es reicht uns noch ein oder zwei Bierchen zu zischen, aber dann haben wir halt hier unseren Spaß.« Sie stiegen aus und überquerten den Parkplatz. Schon von weitem sahen sie, wie Männer, Frauen und Kinder mit ihren Einkaufswagen aus dem Markt quollen, wie kleine Ameisen, wenn jemand einen Fuß in ihren Bau gesetzt hatte. Als sie eintraten grinste Tony über beide Ohren und lachte. »Sieh dir das an, Morgan. So etwas gab es wirklich noch nie.« Der schüttelte aber nur den Kopf und holte einen der wenigen verbliebenen Einkaufswagen. Nachdem sie sich durch die Abteilungen zu Fleisch und Bier durchgekämpft und erfolgreich genau das bekamen, was sie suchten, fehlten nur noch die Getränke und Kopfschmerztabletten für Berry, Morgans Frau. Ihr richtiger Name war Berenice, doch den konnte sie nicht ausstehen und so hatten sie sich an Berry gewöhnt. Heute blieb sie mit den Kindern zuhause, damit ihr geliebter Mann einen ruhigen Abend mit seinen Freunden verbringen konnte. Es stand ein Männerabend bevor, wie er nur selten zustande kommt.
Bei den Getränken gab es das erste Problem. Morgan griff gleichzeitig mit einem anderen Mann nach der letzten Packung Sprudel. Der untersetzte Kerl boxte ihn einfach zu Seite und nahm sich das Wasser. Als er an ihnen vorbei wollte, stellte Tony ihm ein Bein und der Mann segelte zu Boden. Filmreif schlug er auf, sie sahen seine Masse erbeben, das Wasser entglitt ihm und flog durch die Luft. Tony stand bereit und griff zu, zog das Sixpack geschickt in ihren Einkaufswagen und drängte den immer noch verdutzt dreinblickenden Morgan weiterzugehen. Noch ehe Pummelchen realisierte was geschehen war, steuerten sie einige Gänge weiter auf die Ladenpharmazie zu. Die Schlange war endlos lang. Jeder wollte noch schnell das Nötigste an Medikamenten abgreifen, bevor sich das Ende der Welt ereignen sollte. Morgan musste bei diesem Gedanken etwas schmunzeln. Sein Freund begann schon leicht auf der Stelle zu trippeln, es ging ihm nicht schnell genug. Als es jedoch vor ihnen lauter wurde, stand er still und streckte sich seitlich aus der Schlange um zu erhaschen was vor ihnen passierte. Und dann brach der Tumult aus.
Eine Schlägerei vom feinsten. Zwei Familienväter hatten sich in die Haare gekriegt. Während die beiden Frauen mit den Kindern an den Händen versuchten, ihre Männer zu beruhigen, mischten sich immer mehr andere Männer mit ein. »Jetzt pass auf«, sagte Tony, der immer noch aus der Schlange lehnte, seinen Kopf aber leicht zu Morgan gedreht hatte, »erst geht ein Schlag daneben und trifft versehentlich einen anderen, dann taumelt jemand und rempelt einen Unbeteiligten an, der es sich dann anders überlegt und doch mitmischt.« Genauso, wie er voraussagte, kam es. Immer größer wurde die Rauferei, bis die wenigen Frauen und Kinder in der Schlange flüchteten. Die beiden Männer drückten sich vorsichtig an dem Knäuel aus Körpern vorbei und standen nun ganz vorne. »Unfassbar«, begrüßte sie der zuständige Apotheker mit einem Kopfschütteln, »Verzeihung, was wünschen Sie? « »Wir brauchen eigentlich nur Kopfschmerztabletten«, entgegnete Morgan ruhig und wartete bis der Mann zurück war. Er bedankte sich und lief, den Einkaufswagen mit Tony hinter sich herziehend, zu den Kassen. Sie waren alle geöffnet, da die Kassierer längst aufgegeben hatten. Zurück am Auto atmeten sie erst einmal tief durch und grinsten sich an. »Jetzt lass uns bitte schnell zurückfahren, ich will ein kaltes Bier«, bat Tony. Das ließ sich sein Freund nicht zweimal sagen und fuhr los. Während der Fahrt beobachteten sie gespannt, wie die Menschen ihre Häuser verbarrikadierten. Manche hatten sogar damit begonnen, in ihrem Vorgarten eine Grube zu graben um daraus einen Schutzbunker zu bauen. »Weißt du, ich finde es ja schon komisch, dass diese Forscher so etwas immer erst kurz vorher herausfinden, schon etwas merkwürdig oder?« »Nachdem ich das im Supermarkt gesehen habe, denke ich fast, es wäre eine Kampagne von denen um ihren Umsatz zu steigern.« »Ja kann gut sein«, lachte Tony laut aus und sah wieder aus dem Fenster. Fast so als wären sie Fremde, fuhren sie weiter und kümmerten sich nicht um die zunehmende Panik. Bei Tony angekommen, brachten sie gemütlich die Einkäufe ins Haus und setzten sich in den Garten, jeder ein kaltes Bier in der Hand.
Gerade als sie anstoßen wollten, klingelte Morgans Telefon. Berry rief an. »Schatz?«, erklang es sofort als er abnahm. »Ja? Was gibt es denn Liebling?«, fragte er gleich um sie zu beruhigen. »Wo bist du? Bist du schon bei Tony? Ist alles gut?« »Alles bestens, wir waren gerade einkaufen und sitzen schon im Garten«, das Bier ließ er aus. Berry war kein Fan davon, wenn er schon am Nachmittag damit anfing. »Oh gut, ich habe mir Sorgen gemacht. Die Leute drehen durch. Meinst du nicht, ich sollte uns auch etwas besorgen? Vielleicht ist etwas Wahres dran an der Geschichte.« »Berry, Liebling. Du weißt doch wie die drauf sind, die freuen sich doch, wenn mal etwas Außergewöhnliches passiert. Dann haben sie einen Grund völlig auszurasten.« Tony neben ihm hob einen Daumen um zu signalisieren, dass er sehr beruhigend klang. Morgan grinste und sagte: »Ich soll liebe Grüße von Tony sagen.« »Sag Grüße zurück«, sagte sie, »und pass bitte auf dich auf und komm mir gut nach Hause.« »Ja ganz bestimmt, du kannst dich auf mich verlassen!«, versprach er ihr und legte, Kussgeräusche machend, auf. Sie tranken aus und Tony ging ins Haus um neues Bier zu holen. Es dauerte ungewöhnlich lange, bis er zurückkam, Morgan war schon leicht am Dösen in der angenehmen Wärme der Nachmittagssonne. »Verdammt, George und Walter haben abgesagt«, sagte er stirnrunzelnd. »Was?«, er schreckte hoch. »Ja, du hast richtig verstanden. Sie sind ebenfalls dem Meteoriten-Wahnsinn verfallen.« »Und die anderen? Brad, Davis und Pete?« »Die kommen, Pete hatte ebenfalls aufs Band gesprochen und versichert, dass er komme. Von den anderen beiden weiß ich es sowieso, die lassen sich das nicht entgehen.«
Als es neunzehn Uhr war, die Sonne stand noch immer hoch über ihnen, warf Tony schon einmal den Grill an, damit es gleich losgehen konnte. Gerade als er den Deckel schloss, kamen Brad und Davis durchs Gartentor. Alle begrüßten sich und die beiden setzten sich dazu. Tony verschwand kurz im Haus und kam mit einem großen Schirm heraus, erst jetzt viel Morgan die Halterung dafür auf. »Neu?« Er nickte. »Seit wann?«, fragte Brad. »Letzte Woche, habe ich selber gemacht.« »Nicht schlecht«, anerkennendes Nicken allerseits. »Der Grill ist schon an, wir können gleich loslegen«, versprach der Gastgeber und stand auf um ins Haus zu gehen. »Oh warte, ich komme kurz mit«, rief Morgan und sprang auf. Sie gingen in die Küche, zogen das Fleisch aus dem Kühlschrank und begannen es zu marinieren. In dem Moment, als Morgan sein Rinderhüftsteak mit einem lauten Klatschen auf den Tisch schlug, gab es draußen einen ohrenbetäubenden Knall.
Sie rannten zur Türe. Viel konnten sie nicht sehen und rissen sich die Hände vors Gesicht. Der Garten war verschwunden, nur gleißendes Licht weit und breit. Als sich ihre Augen langsam, ganz allmählich an die Helligkeit gewöhnten, sahen sie es. Das Gras brannte, vom neuen Schirm waren nur noch Fetzen übrig und die beiden neu eingetroffenen wälzten sich in Flammen auf dem Boden. »Brad, Davis«, brüllten sie laut, doch vergebens. Ihre Freunde hörten sie nicht. Morgan rannte los, hinaus ins Licht. Erst bemerkte er es nicht, aber dann zuckte er zurück und rettete sich mit einem Satz ins Haus. Seine Haut hatte ebenfalls zu qualmen begonnen. Er rümpfte die Nase um dem eindringlichen Geruch verbannten Fleisches zu entgehen. »Was zur Hölle ist das? Was passiert hier?«, fragte Tony entgeistert. »Ich weiß es nicht. Ich glaube, der Grill ist explodiert.« »Unmöglich ist das die Ursache. Verdammt ist das heiß.« Sie zogen sich ein Stück in das Haus zurück, es half jedoch nicht wirklich. Gerade als Tony über die Schulter sah, bemerkte er es. Das Haus stand in Flammen. »Morgan, wir müssen hier raus, es brennt«, noch während er das sagte, packte er seinen Freund bei der Schulter und stürmte los, erneut in Richtung Garten. »Warte, das geht nicht. Wir können nicht raus, wirklich.« »Mist! Dann überleg, wo können wir hin?« Tony verzog angestrengt das Gesicht. »In den Keller, er ist tief in den Boden eingelassen, mit etwas Glück kommt das Feuer nicht so weit, darüber ist eine dicke Betondecke.« »Worauf wartest du, los!«, mittlerweile hatte auch Morgan die Panik ergriffen. Die beiden Männer rannten durch das Haus, an der Ecke zur Kellertüre mussten sie jedoch Halt machen. Dichter Rauch vernebelte die Sicht und ließ sie husten. Das Zögern hielt nur kurz und sie stürmten weiter. Beide atmeten eine große Menge des giftigen Rauches ein und kamen hustend und prustend im Keller zu stehen. Es war angenehm kühl und noch während Morgan ansetzte etwas zu sagen, merkte er, wie ihm schwindelig wurde. Das letzte was er sah war Tonys bleiches Gesicht, dann wurde er Ohnmächtig.

Alle Rechte vorbehalten ® 16. Juni 2017 |02:19 Uhr

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Kommentare: 3
  • #1

    RockRebell (Freitag, 16 Juni 2017 08:00)

    1. An einer Stelle stimmt die Zeit nicht.
    Kurz bevor die Protagonisten in den Supermarkt gehen. Einer sagt was und an dieser Stelle passt die Zeitform nicht.
    2. Glückwunsch, das Timing für den beginnenden Weltuntergang ist toll geworden.

  • #2

    B.R. (Freitag, 16 Juni 2017 11:53)

    Jetzt hab ich's verstanden.
    Klingt auf jeden Fall cool
    So apokalyptisch.

  • #3

    Timo (Freitag, 16 Juni 2017 15:39)

    @RockRebell: Danke für den Hinweis, ist korrigiert.
    Sowas passiert eben, wenn man bis 2 Uhr nachts arbeitet ;)

    @B.R.: Vielen Dank, bald geht es richtig los ...

    Viele Grüße
    Timo