#1 Gestrandet in Seattle

Ich stand an Bord der Titanic, dem größten Dampfer der Olympic-Klasse seiner Zeit. Daran erinnere ich mich noch als sei es gestern gewesen. 

Der 10. April im Jahre 1912 war ein milder Frühlingstag, perfekt für den Beginn der Jungfernfahrt. 

Ich hatte als Techniker angeheuert und war, entgegen meinen Erwartungen, genommen worden. 

Es erfüllte mich mit Stolz dort zu stehen, Schulter an Schulter mit den anderen Seemännern. Keiner weniger Stolz bei einem großen Moment wie diesem dabei zu sein. 

 

In den darauf folgenden Tagen wuchs die Crew zusammen, alle arbeiteten pflichtbewusst, fleißig und es gab keinerlei Probleme an Bord, bis zu jenem 14. April. 

Es war späte Nacht, ich hatte mich gerade schlafen gelegt, als das Horn ertönte. Erschöpft von einem langen Tag quälte ich mich nur mühsam wieder aus dem Bett und zog mich an. Gerade saß ich auf der Bettkante und schnürte meine Stiefel, als es krachte. 

Ein ohrenbetäubender, dumpfer Laut. 

Alles wackelte und Schreie waren auf den Gängen zu hören. 

Was passiert war und wie die Katastrophe ihren Lauf nahm ist allgemein bekannt. 

Ich hatte das Glück zu einer der Gruppen zu gehören, welche die Rettungsboote als erstes erreichen konnten. Wir sprangen hinein und ließen uns zu Wasser. Von der Angst getrieben paddelten wir, bis die Entfernung zum Schiff groß genug war und mussten mit ansehen wie es entzweibrach. Erst später nach unserer Rettung erfuhr ich, dass ich einer von 212 Überlebenden der Besatzung war. 

Ich dankte dem lieben Gott dafür, entschloss mich aber noch am selben Tag mein Glück erneut herauszufordern und wieder zur See zu fahren. 

An die Opfer dachte ich damals kaum, der Gedanke, dass durch meine Hilfe andere hätten gerettet werden können, sollte mich jedoch später noch lange Jahre unglücklich machen. 

Bald fand ich wieder Arbeit. Ich trat der Mannschaft eines Fischerbootes bei, welches unter der Führung eines abenteuerlustigen Kapitäns ganz Südamerika umschiffen sollte. Auf der Suche nach unbekannten und außergewöhnlichen Fischen fuhren wir von Hafen zu Hafen und durchkämmten die Gewässer. Bald wurde es mir zu eintönig und so ging ich im Herbst 1913 in Seattle von Bord. 

Dies war der Beginn eines neuen Lebensabschnittes für mich. Ich verliebte mich in die Stadt und wollte dort bleiben. So wurde ich sesshaft und nahm mit 27 Jahren meine erste feste Arbeit an. Ich reparierte Schiffsmotoren und alles andere, was noch anfiel. 

Der Winter kam und er war hart. Eisbrecher kreuzten draußen im Hafen, damit die Fischer weiter hinausfahren konnten und so gab es immer genug zu tun. Bald war es soweit und Seattle lag unter einer dichten Schneedecke, die auch zu Weihnachten nicht weichen wollte. Damit ich den Heiligen Abend nicht alleine verbringen musste lud mich mein Chef zu sich ein. Es war schön mit ihnen zu feiern und so nette Menschen um sich zu haben. Während des Festes lernte ich meine spätere Frau, Mary-Beth, kennen. Wir unterhielten uns den ganzen Abend und waren kaum zu trennen. An den darauffolgenden Tagen sahen wir uns immer wieder. Und so wurden aus Tagen Wochen und aus Wochen wurden Monate. Ein Jahr später im Frühling hielt ich um ihre Hand an und wir heirateten bald. Sie wohnte von nun an bei mir und die Jahre vergingen wie im Flug. 

1920, ich war mittlerweile 34 Jahre alt, änderte sich alles. Ich verlor meinen Job, da es nicht mehr genügend Arbeit gab. Mary-Beth und ich stritten uns unentwegt und noch dazu packte mich erneut die Lust zu reisen, ich wollte wieder zur See fahren. 

Schon bald bot sich mir eine Gelegenheit. 

Es war früh morgens, ich lief durch die Stadt und hing meinen Gedanken nach. Mary und ich hatten gerade wieder gestritten und ich hatte es zuhause nicht mehr ausgehalten. Ein Hochseefischer bot mir Arbeit auf seinem Schiff an, da sein Techniker kurzfristig abgesprungen war. Ich dachte nicht lange nach und willigte ein. Zuhause packte ich das nötigste ein und hinterließ einen Brief für Mary, in dem ich ihr alles erklärte. Ich war Gott froh endlich wieder eine Aufgabe zu haben. 

Die Jahre auf See taten mir gut, während mir die Luft durchs Haar wehte, fühlte ich mich frei und begann neue Kraft zu schöpfen. 

Dann kam der Sturm. 

Der Steuermann und Navigator hatte ihn nicht kommen sehen und so traf er uns mit voller Härte. Zwei unserer drei Masten brachen entzwei als wären es die dürren Zweige eines alten, morschen Baumes. Ich kämpfte mit dem Rest der Mannschaft um das Schiff. 

Wir verloren. 

Mitten in der Nacht gingen wir über Bord, kurz darauf kenterte das Schiff. Wir klammerten uns aneinander und versuchten über Wasser zu bleiben. Für einige Zeit gelang es, doch dann schlugen die Wellen höher und überrollten uns. 

Ich erinnere mich nur noch an die alles erdrückende Schwärze, die mich einhüllte wie ein Tuch. 

Prustend erwachte ich am sandigen Ufer, links und rechts neben mir die leblosen Körper meiner Kameraden, alleine der Kapitän erwachte ebenfalls nach kurzer Zeit. Zusammen schleppten wir uns an der Küste entlang und erreichten bald eine kleine Stadt in der Nähe Seattles. In diesem Moment musste ich an Mary denken, alles wäre anders gekommen, wenn ich sie nie verlassen hätte. Mir fiel der Brief ein und ich beschloss sie nie aufzusuchen, aus Scham um das was ich getan hatte. 

Als wir wieder in der Stadt waren verkündete mir mein Begleiter, dass er keine Arbeit mehr für mich hatte. Ich war ihm nicht böse, das Schicksal hatte auch ihn hart getroffen, jedoch ahnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht, wie hart es mich noch treffen sollte. 

Ich hielt mich den Rest des Sommers und auch große Teile des Herbstes mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser. Als Amerika die große Depression traf gab es plötzlich keine Arbeit mehr und auch mein Erspartes wurde immer knapper. Bald musste ich das heruntergekommene Motel in dem ich lebte, verlassen. So landete ich auf der Straße. Anfangs nahm ich es leicht, ich würde sicherlich bald Arbeit finden, doch ich hatte mich getäuscht. Ich begann, mich mit meinem neuen Leben abzufinden. Halbwegs warme Kleidung hatte ich noch und ein paar Decken bekam ich im städtischen Hilfswerk geschenkt. Unter einer Brücke, in einer Nische richtete ich mir mein Lager ein. Tag für Tag lag ich dort, wenn ich nicht gerade wieder betteln war. Ich begann nachdenklich zu werden. Immer mehr Dinge gingen mir durch den Kopf. Ich dachte oft an Mary-Beth, stellte mir ihr Gesicht vor, wie glücklich sie bei unserer Hochzeit ausgesehen hatte. Nachts konnte ich nicht schlafen und weinte bittere Tränen, bis ich vor Erschöpfung schließlich doch in einen unruhigen Schlaf sank. So ging es Nacht für Nacht und manchmal auch tagsüber. Oft schreckte ich während dem betteln auf, weil ich glaubte Mary in der Menge gesehen zu haben, doch ich täuschte mich. Vermutlich lebte sie längst nicht mehr in der Stadt und hatte sich neu verliebt. 

Der Winter wurde milder und schließlich brach der Frühling an. Ich lebte jeden Tag neu, als wäre es mein letzter. Ich begann die kleinen Dinge zu schätzen und hatte mittlerweile sogar schon Freunde unter den anderen Obdachlosen gefunden. Da waren Jimmy, der Schaffner, Morgan, ein alter brummiger Seebär und Bob, ein Schwarzer, der früher einmal Trompete in einem Jazz-Orchester gespielt hatte. Wir waren eine lustige Truppe, tagsüber in der Stadt unterwegs und nachts teilten wir uns mittlerweile ein Lager. 

Den anderen tat ich leid, ich war der jüngste und wir hatten schon viel geredet. Sie wussten von Mary-Beth und schalten mich jedes Mal erneut einen Esel, wenn ich weinte. Ich schaffte es, sie zu verdrängen, nicht mehr an sie zu denken und ertränkte den Kummer in Alkohol, welcher jedoch nur neuen Kummer hervorbrachte. Die Monate vergingen und ich dachte viel über mein Leben und die Fehler die ich gemacht hatte nach. Häufig fragte ich mich, wie viele Passagiere der Titanic ich hätte retten können. Ich trank viel in dieser Zeit und war teilweise tagelang ohnmächtig oder nicht ansprechbar. Wie ich diese Zeit überlebte, weiß ich bis heute nicht. 

Erneut wurde es Winter, mittlerweile waren es sieben Jahre, die ich unter freiem Himmel verbracht hatte. Ich war 44 und hatte bereits mehr er- und überlebt als manch anderer es in zwei Leben schaffen würde. Ich war gezeichnet von den letzten Jahren, doch hatte ich es nunmehr geschafft dem Alkohol zu entsagen. Ich war trocken und verspürte auch nicht die geringste Lust wieder damit anzufangen. 

Es war kurz vor Heilig Abend, die Menschen erledigten die letzten Einkäufe und Weihnachtsmänner saßen in jedem Einkaufszentrum herum, brachten Kinder zum Lachen oder manche auch zum Weinen, was mich immer etwas belustigte. Ich saß in einer Ecke der Mall, mit Erlaubnis des Wachmannes durfte ich mich eine halbe Stunde aufwärmen. Ich beobachtete, wie eine Mutter ihr Kind zu einer dieser bärtigen Gestalten schickte. Der dickbäuchige Mann nahm es in den Arm damit ein Foto gemacht werden konnte. Sofort fing es an zu weinen und wollte nicht mehr aufhören. Erst schmunzelte ich und fing dann an, leise vor mich hin zu glucksen. 

Plötzlich fauchte mich eine Frau im Vorbeigehen an. Sie schalt mich einen kalten, unbarmherzigen Mann ohne Liebe im Herzen und stürmte weiter ohne mir etwas Kleingeld in die Mütze zu werfen. Ich machte mich wieder klein in meiner Ecke und dachte über ihre Worte nach, als es mir plötzlich auffiel. Ich sprang auf und rannte ohne die Mütze aus dem Einkaufszentrum. An der nächsten Ecke hatte ich die Frau eingeholt und berührte sie leicht am Arm. »Mary-Beth«, stieß ich krächzend hervor und starrte mit tränenerfüllten Augen in ihr Gesicht. 

Sie war es. 

Nach all den Jahren, des Alkohols und Vergessens hatte ich sie wiedergefunden. Sie starrte mich ihrerseits ungläubig an und fing dann an zu schluchzen. Sie warf sich, den Dreck und Gestank missachtend, in meine Arme und weinte vor ungläubiger Freude. Nachdem sie sich beruhigt hatte, zog sie mich am Arm zu sich nach Hause. Sie wusch mich und brachte mir meine alten Kleider, welche sie noch immer aufgehoben hatte. Wir redeten viel, ich erzählte von den Jahren auf See und der noch längeren Zeit auf der Straße. 

Sie erzählte von ihrer Suche nach mir und dass sie mich nie aufgegeben hatte. Sie wusste, dass ich damals noch nicht bereit war, auf die Freiheit des Lebens auf See zu verzichten. Wir weinten viel in diesen Tagen, doch Weihnachten verbrachten wir ohne Tränen, glücklich in Freude und mit der Gewissheit, dass uns nichts je wieder trennen sollte.

Alle Rechte vorbehalten ® 13. Juni 2017 |07:22 Uhr

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Kommentare: 1
  • #1

    B.R. (Dienstag, 13 Juni 2017 12:25)

    Ergreifende Geschichte von der Erfüllung seiner Träume und Wünsche.