#1 Eine ungewöhnliche Begegnung

Martin erwachte schweißgebadet, draußen tobte ein fürchterliches Gewitter. Es rüttelte an den Fenstern, dass sie nur so knackten und knarzten. Furchtbar müde drehte er sich im Bett um und zog sich die Decke bis unters Kinn. Nicht mehr lange und er würde aufstehen müssen. Nach wenigen Augenblicken aber, war er wieder eingeschlafen und begann zu träumen.

Er stand vor den Toren der Stadt Graufels. Hoch über ihm ragten die Zinnen der Türme auf. Eine kühle, morgendliche Brise umwehte ihn, während er empor schaute. Kurz entschlossen trat er durch das Tor und ging an den aufmerksamen Wachen vorbei. 

Martin war mit seinen sechzehn Jahren nun volljährig und konnte jegliche Arbeit annehmen. Seiner Größe zum Trotz – er war recht kurz geraten – war er nicht gerade schmächtig, er hatte ein breites Kreuz und konnte anpacken, wenn es von Nöten war. Kurzum, er war für seine sechzehn Jahre ein recht gut geratener Bursche. Der junge Mann war aus seiner Heimat fortgezogen um die Welt zu entdecken und endlich sein eigenes Gold zu verdienen. 

In der großen Küstenstadt kamen allerlei Völker zusammen und jederzeit herrschte geschäftiges Treiben auf den Straßen. Schiffe legten an, Händler entluden ihre kostbare Fracht oder kauften die in der Stadt angebotenen Waren um sie mit auf Reisen zu nehmen und fernen Ortes teuer zu verkaufen. 

Martin ging gemütlich durch die Stadt, es war noch früh am Morgen und er hatte Zeit genug sich Arbeit für den Tag zu suchen. Schon gleich am ersten Tag auf einem Schiff anzuheuern war sehr unwahrscheinlich, deshalb wollte er sich die Zeit, bis es soweit war, mit Gelegenheitsarbeiten in der Stadt vertreiben. Über kurz oder lang würde er dann sicher auf einem Schiff Arbeit finden. Schon oft war er hier gewesen, er kannte die Stadt wie seine Westentasche. 

Ein lauter Ruf riss ihn aus seinen Gedanken, seine Füße hatten ihn ganz automatisch zum Hafen getragen. Die meisten Schiffe lagen noch im Halbdunkel sicher vertäut. Eines jedoch war bereits voll aufgetakelt und bereit zum Auslaufen. Erst ging er weiter, nach einem erneuten Ruf bemerkte er aber, dass er gemeint war und sah zur Reling empor. Dort stand ein stämmiger Mann, sein Haar und Bart hatte schon einen leichten Anflug von grau. »Junge, willst du Arbeit? Einer meiner Männer ist kurzfristig abgesprungen und ich wollte eigentlich bereits gestern auslaufen. «, sprach er ihn an. Martin überlegte kurz und fragte dann: »Wohin geht eure Fahrt und was ist ihr Zweck? « »Ich fahre nach Molvaar an der Rotküste und betreibe Handel. Die Korallen, die man dort kaufen kann sind berühmt für ihre herrlich rote Farbe. In allen Städten hier sind sie begehrt. Es lohnt sich also für dich. «, antwortete der Mann. »Und was wird meine Aufgabe sein? «, hakte Martin nach. »Nun komm erst einmal an Bord und ich erkläre dir alles, dann müssen wir nicht so brüllen und alle mit unserem Geschrei aufwecken. «, bekam er als Antwort. Über eine wackelige Planke betrat er den Dreimaster. Der Mann kam Martin entgegen und streckte ihm seine Hand hin. Er ergriff sie und die beiden gingen ein Stück auf dem Deck. »Mein Name ist Nylander, ich bin der Inhaber und Kapitän des Schiffes. Deine Aufgabe wird es sein, den Matrosen beim auftakeln der Segel zu helfen. Ab und zu wirst du tagsüber oder nachts wache im Krähennest halten. Deine Heuer wird ein Prozent meines Gewinnes bei den Geschäften sein, ausbezahlt wirst du am Ende der gesamten Reise. Wie klingt das für dich? «, fragte er am Ende seines Angebots. »Es klingt hervorragend. Wann laufen wir aus? «, wollte er grinsend wissen. »Jetzt sofort, ich werde meine Männer wecken. Komm gleich mit, dann werde ich dir deine Koje zeigen. «, bekam er von Nylander als Antwort. Gerade als die beiden Männer unter Deck gehen wollten, hörten sie einen Ruf, er kam vom Kai unter ihnen. »Wohin fahrt ihr, Herr Kapitän? «, rief eine junge Frau empor. Der Mann antwortete sofort: »Nach Molvaar an der Rotküste, warum wollt ihr das wissen junge Frau? « »Habt ihr noch einen Platz für eine Reisende? Ich kann euch nichts bezahlen, aber ich kann kochen und putzen. «, kam es hoffnungsvoll von unten. Kurz überlegte der Kapitän, dann verneinte er: »Tut mir leid, aber eine Frau an Bord bringt Unglück. « »Das stimmt doch gar nicht, ich werde euch sicher kein Unglück bringen. «, erwiderte sie empört. »Bitte, ich brauche eure Hilfe. «, fügte sie noch an. Nylander grinste und winkte sie an Bord. Als sie oben war sagte er: »Ich hoffe für dich, dass ich diese Entscheidung nicht bereuen werde. Nun folgt mir ihr beiden. « Zaghaft lächelte sie Martin an und stellte sich vor: »Mein Name ist Gabriella und wer bist du? « »Ich heiße Martin. «, antwortete er. Gemeinsam folgten sie dem Kapitän, der ihnen die Schlafplätze zeigte. Anschließend schickte er Martin ins Krähennest und Gabriella zum Schiffskoch, der bereits fleißig am Morgenmahl der Mannschaft arbeitete. Nylander selbst eilte um die anderen Seeleute zu wecken. Martin genoss unterdessen die Aussicht, er versuchte diesen kurzen, herrlichen Moment festzuhalten. Ganz glauben konnte er es immer noch nicht, er war auf einem Schiff und noch dazu auf einem mit beachtlicher Größe. Sobald alle an Deck waren stellte Nylander die beiden neuen Mitglieder vor, Martin winkte zum Gruß von oben herab. 

Nicht lange und das Schiff war bereit zum Auslaufen. Die Männer arbeiteten tüchtig und schnell nahmen sie Fahrt auf. Der Tag war schön und die Sonne schien hell, es ging ein kräftiger Wind. Am Mittag wurde er von oben herabgerufen. Behände kletterte er nach unten und aß mit den anderen gemeinsam zu Mittag. Anschließend wurde ihm von einem netten Matrosen alles gezeigt. Er erklärte alles sehr geduldig und brachte ihm auch die richtigen Begriffe bei. Martin lernte schnell und konnte die Tage darauf schon fast die gleichen Aufgaben erfüllen wie die Männer, die schon ewig zur See fuhren. 

Es war der Abend des siebten Tages, er saß alleine oben und hielt Ausschau, da kletterte plötzlich jemand zu ihm in den Korb. Im hellen Glanz der untergehenden Sonne erkannte er Gabriella. Sie hatte ein kleines Bündel mit Brot, getrocknetem Fleisch und etwas Käse dabei, außerdem eine kleine Flasche Met. Dankbar nahm er alles entgegen und öffnete das Bündel. Gerade als er sich ein Stück Brot griff, wollte Gabriella wieder nach unten steigen, doch Martin reagierte schnell und fragte: »Möchtest du mir nicht noch etwas Gesellschaft leisten? « »Ich hatte gehofft, dass du das fragst. «, antwortete sie etwas schüchtern und setzte sich dann zu ihm. »Es ist wirklich herrlich hier oben, die frische Luft und dieser wunderschöne Sonnenuntergang. «, sagte sie. »Ja, da hast du recht, nur ist es auf Dauer leider etwas einsam. «, gestand er und fuhr fort, »Erzähl mir von dir, warum bist du mitgefahren? Was suchst du in Molvaar? « Daraufhin begann Gabriella ihm ihre Geschichte zu erzählen. Sie war auf der Suche nach ihrer verschollenen Schwester, die vor einigen Tagen verschwunden war. Unterwegs hatte sie Bauern und andere Menschen am Straßenrand befragt, die sie in Begleitung eines großen, dunkelhaarigen, kräftigen Mannes gesehen hatten. So saßen sie zusammen und erzählten sich von dem Grund für ihre Reise und ihrem Leben davor. Am Ende saßen sie Schulter an Schulter und hatten sich, der Kälte wegen, in eine Decke gehüllt. Als die Wachablösung kam sagte sie zu ihm: »Danke, dass ich hier bei dir bleiben durfte, es hat gut getan mit jemandem darüber zu reden. « »Mir hat es auch sehr gut gefallen. «, erwiderte Martin und lächelte sie an. Gemeinsam stiegen sie herab und verabschiedeten sich. Gabriella hauchte ihm einen sanften Kuss auf die Wange und entschwand dann in Richtung ihrer Kabine. 

Die nächsten Tage vergingen wie im Flug, Martin hatte Spaß an der Arbeit und auch in der Mannschaft hatte er Freunde gefunden, alle waren sehr nett und freundlich, wenn auch ab und an etwas rau. Gabriella und er sahen sich jeden Tag, reden viel miteinander oder saßen einfach nur zusammen im Korb aneinander gelehnt und genossen die Gesellschaft des anderen. 

Als Martin am Morgen des elften Tages erwachte, hatte das Wetter umgeschlagen. Ein heftiger Sturm tobte über ihnen, Blitze durchzuckten den Himmel und der Donner war ohrenbetäubend laut. Nylander selbst stand am Steuer und versuchte den großen Dreimaster unter Kontrolle zu halten. Stunde um Stunde kämpften sie gegen das Wüten des Sturmes an. Als sie das Schlimmste überstanden hatten kletterte Martin wieder empor in das Krähennest. Das Wasser war noch sehr unruhig und die Sicht getrübt, daher hörte er es, bevor er es sah. Ein ohrenbetäubendes Brüllen hallte durch die Luft. Der junge Mann sah sich hektisch nach allen Seiten um, konnte jedoch nichts entdecken. Die Mannschaft auf dem Deck unter ihm hatte es ebenfalls gehört. Rufe erschollen über das gesamte Schiff: »Eine Seeschlange, bemannt die Kanonen und bringt die Harpune in Position. « Das hektische Treiben verschlimmerte sich. Männer rannten kreuz und quer über das Deck, trugen große massive Eisenkugeln für die Kanonen herbei und stopften Schwarzpulver mit langen Holzstangen in deren Läufe. In kürze war das Schiff kampfbereit. Erneut war ein lautes, markerschütterndes Brüllen zu hören und Martin sah, wie sich ein, mit grün-blau schillernden Schuppen überzogener Körper durch das unruhige Wasser schlängelte. Im gleichen Moment sah er Gabriella, die wie erstarrt in der Takelage hing. Sie hatte ihm offensichtlich gerade das morgendliche Mahl bringen wollen, als sie das Ungeheuer gesehen hatte. »Komm hoch zu mir, hier bist du sicher. «, rief er ihr zu. Sie schreckte hoch und kletterte weiter. Plötzlich erschütterte ein gewaltiger Schlag das Schiff, Gabriella geriet ins Straucheln und rutschte ab. Sie hing nur noch an einem Arm, mit aller Kraft hielt sie sich am, vom Unwetter feuchten, Seil fest. Der kleine Korb entglitt ihr und trudelte in die Tiefe. Sie konnte sich kaum noch halten, Stück für Stück rutsche ihr das Seil aus der Hand. Als es ihr vollends entglitt schrie sie laut auf und stürzte in die Tiefe. 

Martin jedoch war ihr entgegen geklettert, er stieß sich ab und sprang hinterher. Im letzten Moment ergriff er ihre Hand und zog sie an sich. Gemeinsam hingen sie nun in den Seilen und Gabriella vergrub schluchzend das Gesicht an seiner Brust. Langsam, Stück für Stück zog er sich und das Mädchen nach oben. Sanft setzte er sie im Korb ab, als ein Ruf von unten erscholl: »Junge, du musst Ausschau nach dem Ungeheuer halten und uns sagen wo es auftauchen wird. « Er brüllte zurück, dass er verstanden habe und drehte sich zu Gabriella um. Er ergriff ein langes Seil am Boden des Korbes und band es um ihre Hüfte, dann wickelte er es einige Male um den Mast und band das andere Ende sich selbst um. Nun waren sie gegen Herausfallen aus dem Krähennest geschützt. »Du musst mir helfen und nach Backbord Ausschau halten, während ich Steuerbord im Auge behalte. Sobald du das Ungeheuer siehst gibst du den Männern unten Bescheid. «, wies er sie an. Sie nickte zum Zeichen, dass sie verstanden hatte und kehrte ihm den Rücken zu. Auch Martin konzentrierte sich wieder auf das Wasser. Mittlerweile war die See fast wieder ruhig und er konnte nach dem Schatten der Schlange Ausschau halten. Ein Schrei von Gabriella riss ihn aus seiner Konzentration. Sie lehnte sich weit über den Rand des Korbes hinaus und zeigte mit einer Hand aufs Wasser. Ein dunkler, langer Schatten kam auf den Dreimaster zu. Mit einem Ruf alarmierte Martin die anderen Seeleute und zeigte ihnen die Position an. Er verfolgte den Schatten mit der Hand und die Männer richteten den Dreiläufer, eine drehbare, dreiläufige Kanone auf dem Bug des Schiffes in Richtung des Schattens aus. Alle verfolgten gebannt, wie das Ungeheuer unter dem Schiff hindurch tauchte, als plötzlich das Wasser steuerbords des Bootes aufbrach und die Seeschlange ihren gewaltigen Kopf empor reckte. Sie öffnete das, mit rasiermesserscharfen Fangzähnen gespickte Maul und brüllte. Die Kanonen feuerten, trafen jedoch ins Leere. Vom Heck des Schiffes her war ein lautes Ratschen zu hören und eine große Harpune flog dem Ungetüm genau in sein offenes Maul. Keinesfalls geschlagen, jedoch stark verletzt zog es sich zurück und wurde nicht mehr gesehen. Es hatte den Kürzeren gezogen. 

Die beiden jungen Erwachsenen im Krähennest drehten sich um und fielen sich vor Freude in die Arme, da wurde plötzlich alles schwarz vor Martins Augen. Er fühlte nur noch die zarten Lippen Gabriellas auf seinen. 

 

Ein lauter Donnerschlag riss Martin aus seinem Traum. Er sah auf seinen Wecker, keine Sekunde zu spät hatte ihn das Unwetter geweckt. Wehmütig dachte er zurück an Gabriella, besann sich dann aber, zog sich rasch an und packte seine Tasche. Er wollte am ersten Schultag seines letzten Jahres auf der Realschule nicht zu spät kommen. Hastig schnürte er seine Schuhe und zog sich seine Jacke an. Er betrachtete sich noch einmal im Spiegel, dann nahm er seinen Schirm und stürmte aus dem Haus. Ohne nach links oder rechts zu blicken stürmte er aus dem Hauseingang und prallte, ganz in das Öffnen seines Schirmes vertieft, mit einem jungen Mädchen zusammen. Beide rieben sich die Köpfe und sahen sich dann an. Martin riss die Augen auf als er sie erkannte. »Gabriella? « »Martin? « Die beiden sahen sich ungläubig an. »Aber wie ist das möglich? Woher weißt du wie ich heiße? «, fragte Martin verblüfft. »Woher weißt du denn wie ich heiße? «, kam die Gegenfrage von ihr. Beide mussten lachen und Martin erklärte: »Das klingt jetzt sicher total bescheuert für dich, aber ich hatte heute Morgen einen Traum und du kamst darin vor. Ich weiß nicht wie das sein kann, aber wir kennen uns doch gar nicht. « »Ich verstehe. «, setzte sie an, »Wir waren auf einem Schiff und da war dieses Seeungeheuer. « »Ich glaube wir hatten denselben Traum, was aber nicht sein kann. «, erwiderte Martin. »Ich muss leider weiter. «, bemerkte Gabriella mit einem Blick auf ihre kleine Armbanduhr. »Wir sehen uns bestimmt wieder. «, verabschiedete sie sich mit einem Lächeln. »Halt, warte! «, sagte Martin schnell, »Wo musst du denn hin? « »In die Schule natürlich, ich gehe auf die Grauweiden Realschule. «, antwortete sie. »Auf die gehe ich auch, dann können wir doch gemeinsam gehen. «, erkannte er freudig. Gemeinsam gingen sie los. »Wie kommt es, dass ich dich noch nie zuvor an der Schule gesehen habe? «, fragte er sie. »Ich bin neu hier her gezogen und bin zum ersten Mal auf der Schule. Ich komme in die 10b. «, ein klein wenig Hoffnung schwang in ihrer Stimme mit, als sie das sagte. »Oh toll, dann kommst du in meine Klasse. «, bestätigte Martin ihre Hoffnung und beide lächelten sich an. »Komm doch mit unter meinen Schirm! «, forderte er sie auf. Als hatte sie darauf gewartet, drückte sie sich eng an ihn unter dem Schirm. Martin war glücklich, das war der schönste Beginn eines neuen Schuljahres, den er je erlebt hatte. Niemals hätte er sich gedacht, dass nach einem kurzen morgendlichen Traum so etwas passieren würde. Sie bogen um eine Ecke und verschwanden Arm in Arm in der Ferne.

 

Alle Rechte vorbehalten ® | 03. Februar 2017 | 13:47 Uhr

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Kommentare: 1
  • #1

    B.R. (Montag, 12 Juni 2017 21:03)

    Gelungene Geschichte mit überraschender Wendung.
    Man konnte sich alles sehr klar vorstellen.