#1 Der Drache und des Mädchens Schuhe

Vor Zeiten war einmal ein Drachenpaar, es lebte tief in den Bergen, in mitten der Felsen auf einem kleinen Vorsprung.

Sie liebten sich so innig, dass bald daraus ein Kind hervor ging.

Das große Ei lag in ihrem Nest, schnell wuchs es heran. Nach sieben Tagen schlüpfte endlich der kleine Drache heraus und zeigte sich der Welt.

Seine Eltern waren so glücklich, dass sie mit ihrem Freudenfeuer den Himmel über ihnen rot färbten. Der Himmel funkelte in den schönsten Rottönen die es gab und verzauberte jeden, der es sah.

Die bis dahin farblosen Schuppen des kleinen Drachen färbten sich an diesem Abend rot.

Seine Eltern waren überglücklich, er war eine Zierde ihrer Rasse.

 

Weit entfernt, in einer Stadt am Ufer eines großen Sees stand ein kleines Mädchen gerade vor dem Spiegel und kämmte sich seine langen dunklen Haare, da sah es den roten Schein am Himmel. Tief berührt ließ es den Kamm fallen und starrte wie verzaubert hinaus auf den schimmernden Horizont. Das Herz ging ihr auf und sie weinte vor Freude, sie wusste, es war etwas wahrlich Außergewöhnliches passiert.

Doch nicht nur sie hatte den fernen Schein bemerkt.

In einer düsteren Taverne am Rande der Stadt saßen drei raue Gesellen beisammen, auch ihnen war das Leuchten des Horizontes aufgefallen. Sie wussten, was das zu bedeuten hatte. Es waren böse Männer, die nur auf ihr eigenes Wohl bedacht waren.

Noch ehe die Sonne am nächsten Morgen ihre Strahlen über den See geschickt hatte waren die Männer wach. Sie liefen durch die Stadt und riefen ihre Kameraden zusammen. Schnell eilten alle herbei und versammelten sich auf dem großen Platz der Stadt. Die Sachen gepackt und ihre Waffen bei der Hand zogen sie gemeinsam los, auf eine ungewisse Reise zu den weit entfernten Bergen.

 

Unterdies wuchs der kleine Drache heran. Mit jedem Tag wurde er größer und neugieriger.

So kam es eines Tages, dass er, während seine Eltern auf Jagd waren, loszog um die Welt um sich herum zu entdecken. Das Fliegen wollte ihm noch nicht so recht gelingen, seine Flügel waren noch zu klein um ihn in luftige Höhen zu tragen. Zu Fuß lief er los, hinunter von seinem Berg, hinein in den dunklen Wald. War er auch noch so klein, sein Herz war erfüllt von Mut. So lief er nun alleine durch den Wald, es war dunkel und bedrückend, doch jeder Sonnenstrahl der durch das dichte Blätterdach fiel, erfreute ihn und machte ihm neuen Mut. Bald hatte er den Wald verlassen und war an einem großen Feld angekommen. Von der langen Reise war er nun müde und die Beine taten ihm weh, so legte er sich nieder und schloss seine Augen.

Bald darauf war er eingeschlafen.

 

Die Männer, weit gereist, waren endlich an der letzten Etappe ihres Weges angekommen. Am Rand des Waldes machten sie Halt und breiteten ihr Lager aus.

Den kleinen Drachen, der unweit ihres Lagers im Feld lag, hatten sie nicht bemerkt.

Lachend und singend saßen sie beisammen, das Feuer brannte hoch und vergnügt feierten sie bis spät in die Nacht.

Am nächsten Morgen erwachten sie früh, schnell hatten sie ihr Lager abgebrochen und waren bereit weiter zu ziehen. Der kleine Drache erwachte ebenfalls und richtete sich zu seiner vollen Größe auf.

Die Männer, die schon fast im Wald verschwunden waren, bemerkten seine Bewegungen. Einer von ihnen brüllte laut und machte die anderen auf den armen Drachen aufmerksam.

Das laute Geschrei der Männer verunsicherte den kleinen Drachen, schnell erhob er sich und wollte davonlaufen, doch die Männer waren schneller. Geschwind spannten sie ihre Netze und warfen sie hoch über den Drachen.

In Panik bäumte er sich auf, doch das war ein Fehler, sofort wickelten sich die herabfallenden Netze um seine Pfoten. Schnell wurden die Netze von den Männern zusammengezogen.

Bewegungsunfähig lag der kleine Drache auf dem Boden, er vermochte kaum zu atmen, so schwer drückten die Netze auf ihn nieder. Er stieß einen markerschütternden Schrei aus, dann war er leise.

Lachend banden ihn die Männer und luden das verschnürte Paket auf ihre Schultern. Gerade als sie sich auf den Weg in ihre Heimat machen wollten, hörten sie weit entfernt lautes Gebrüll. Schnell liefen sie auf den nahen Waldrand zu, doch ehe sie dort waren dröhnte das laute Schwingen großer Flügel über ihnen. Erneut hallte lautes Gebrüll von den Felsen wider.

Die Eltern des kleinen Drachen waren gekommen.

Hoch flogen sie über den Feldern.

Die Männer ließen den kleinen Drachen herunter und griffen zu ihren Speeren.

Der Vater des Kleinen stieß herab und sein mächtiger Feueratem versengte das ganze Feld und verbrannte die Netze, die den kleinen Drachen am Boden gehalten hatten. Seine Mutter packte ihn mit ihren Klauen und hob ihn hoch empor in die Luft, doch die Männer waren nicht untätig und warfen ihre schweren Speere nach den beiden.

Mehrere Speere bohrten sich durch die Flügel der Mutter, doch sie flog weiter. Der Vater stieß erneut herab und ein weiterer Feuerball schlug mit Wucht in das Feld ein, viele der Männer fielen tot zu Boden. Der einzige von ihnen der noch stand nahm einen großen Speer, an dessen Ende ein Seil befestigt war, weit holte er aus und warf.

Der Speer segelte durch die Luft und traf dann mit einem lauten Klirren in die Seite des kleinen Drachen. Kräftig zog der Mann und schmatzend riss er den Speer aus seiner Seite.

Heißes Drachenblut tropfte auf ihn nieder, doch geschickt fing er den herabfallenden Speer auf. Ein schwaches Glitzern ließ ihn auf die Spitze des Speeres aufmerksam werden. Dort steckte eine der wunderschönen roten Schuppen des kleinen Drachen.

Mit triumphierendem Grinsen lief er rasch in den Wald.

Die Drachen flogen davon und waren seither nie wieder gesehen. Fern ab, tief in den Bergen behüteten sie den kleinen Drachen und sorgten für ihn, doch er war nicht mehr derselbe.

Seine wunderschönen roten Schuppen waren verblasst und nunmehr grau.

Traurig saß er tagein tagaus in seinem Nest und starrte in die Ferne. Mit den Jahren wuchs er immer weiter und wurde größer, doch etwas stimmte nicht mehr, seit ihm seine Schuppe genommen worden war. Seine Flügel blieben klein und zierlich, so oft er es auch versuchte, es wollte ihm nicht gelingen zu fliegen. Auch das Feuerspeien gelang ihm nicht so recht, alles was er hervor brachte, war eine kleine kümmerliche Flamme.

Er war ein gebrochenes Geschöpf, eigentlich zum Herrscher über die Lüfte dieser Erde erkoren, vermochte er doch nicht zu fliegen.

 

Weit weg von der Heimat des Drachen, in der Stadt am See, stand eine wunderschöne junge Frau vor ihrem alten Spiegel und kämmte sich das lange dunkle Haar. Es war der Abend ihres letzten Geburtstages als Kind, heute sollte sie erwachsen werden, endlich eine Frau.

Ihr Vater, ein reicher Kaufmann, würde zu ihren Ehren ein großes Fest veranstalten.

Als es Abend war, hatten sich viele Menschen versammelt, sie alle waren Gäste der Feier. Als es soweit war, trat die schöne junge Frau vor die Augen der Menschen und alle applaudierten zu ihren Ehren, eine Frau so schön wie diese hatten sie selten gesehen.

Als alle gegessen hatten, war es für die junge Frau an der Zeit ihre Geschenke zu empfangen. Alle die etwas geben wollten taten dies. Sie wurde reich beschenkt, der Goldschmied der Stadt schenkte ihr eine wunderschöne goldene Halskette, der Hutmacher einen Hut feinem Stoff und der Gärtner seine schönste Blume. Ein Geschenk jedoch, sollte ihr Leben für immer verändern.

Ihr Vater kam als letztes, gütig und liebevoll lächelte er sie an und schloss sie in seine Arme, dann trat er zurück und griff sich von der Seite ein Paar roter Schuhe. Sie waren etwas verblasst, doch die rote Farbe war so schön, dass sie nicht widerstehen konnte, rasch zog sie sich die Schuhe an.

Gerade als sie sich bei ihrem Vater bedanken wollte geschah es, die blasse Farbe der Schuhe wandelte sich und erstrahlte von innen heraus. Erst schwach und dann immer stärker begannen sie in schönstem Rot zu leuchten. Die Farbe wurde immer strahlender, bis alle Anwesenden nur noch wie gebannt auf die Schuhe starren konnten. Niemand von ihnen konnte seinen Blick von dem schönen roten Schuppenmuster abwenden.

Schließlich brach die junge Frau den Bann und umarmte stürmisch ihren Vater.

Die Schuhe verblassten etwas, doch die schöne rote Farbe blieb erhalten. Erst jetzt fiel ihr auf, dass die Schuhe aus einem außergewöhnlichen Material gemacht waren, sie hatte noch nie etwas Ähnliches gesehen.

In den folgenden Jahren lebten alle in der Stadt glücklich und zufrieden, die Jahreszeiten taten ihre Arbeit und alles ging seinen gewohnten Gang.

Das Mädchen, das zur Frau geworden war, wurde jedoch von Jahr zu Jahr unglücklicher, denn sie spürte, dass etwas fehlte.

Der Winter brach herein und brachte Schnee und Eis über das kleine Tal. Der See war bis auf den Grund gefroren und die Stadt war im dichten Schnee versunken.

Die junge Frau war alleine unterwegs, sie lief durch die Straßen der Stadt, als sie die Gestalt hinter sich bemerkte. Sie konnte nicht genau erkennen, wer dort war, spürte die Anwesenheit des Fremden aber ganz genau. Sie hatte die schönen roten Schuhe an und genau darauf hatte es der Mann hinter ihr abgesehen.

Immer schneller wurden seine Schritte, rasch schloss er zu ihr auf.

Sie ging schneller und begann bald zu rennen, obwohl sie schnell laufen konnte, so war der Fremde dennoch schneller.

Auf dem glatten Weg rutschte sie immer wieder aus und fiel beinahe. Verzweifelt rannte sie immer weiter, doch sie hatte keine Chance.

Sie spürte wie eine behandschuhte Hand nach ihren langen Haaren griff und wurde unsanft zurückgerissen. Hart schlug sie auf dem Boden auf und die Hand legte sich auf ihren Mund, damit sie nicht schreien konnte.

Der Fremde grinste sie höhnisch an und griff nach ihren Schuhen.

Mit einem lauten Aufschrei trat sie um sich und stieß ihm ihre Füße in den Magen.

Keuchend sank er zu Boden, sie ergriff die Chance, sprang auf und rannte davon. Von Angst und Panik getrieben, lief sie heraus aus der Stadt und hinein in den nahen Wald. Sie achtete gar nicht darauf wo sie hin lief, sondern sah nur immer wieder verängstigt über ihre Schultern nach ihrem Verfolger, doch der kam nicht mehr.

Immer weiter und weiter trugen sie ihre Beine, so verängstigt war sie. Der Mann, der sie verfolgt hatte, wollte nicht mehr aus ihrem Kopf gehen. Durch die Wälder lief sie und nachdem die Nacht schon halb vergangen war, war sie an dem Feld angekommen, auf dem vor Jahren das Unheil seinen Lauf genommen hatte. Sie wollte weiter, doch ihre Füße trugen sie nicht mehr. Sie fiel ins Gras und noch bevor sie richtig auf dem weichen Boden aufgekommen war schlief sie schon.

Als sie am nächsten Tag erwachte stand die Mittagssonne schon hoch. Sie stand auf und sah sich um. Woher sie gekommen war, wusste sie nicht mehr. So wählte sie eine Richtung und setze ihren Weg fort.

Nicht weit und sie hatte das Drachengebirge erreicht. Mutig kletterte sie die steilen Felsen empor, die Schuhe führten ihre Füße sicher. Hoch oben am Gipfel angekommen erblickte sie in der Ferne ihre Stadt.

Ein schwarzer Schatten lag darüber, Ruß verdunkelte den Himmel.

Ein großer Drache flog tief über dem See und stieß mächtige Flammen aus. Er war schwarz wie die Nacht.

Immer wieder flog er über die Stadt und versengte mit seinen Flammen alles Lebende.

Eine Weile beobachtete sie fassungslos das Geschehen, ehe sie verzweifelt aufschrie. Tränen liefen über ihre Wangen und tropften auf den Stein darunter. Blind vor Wut und Hass machte sie sich schnell auf den Rückweg, da erblickte sie es aus den Augenwinkeln.

Das Drachennest des ehemals kleinen Drachen lag unterhalb auf einem Vorsprung.

Sie wischte sich die Tränen von den Wangen und stieg hinab um es sich anzusehen.

Unten angekommen sah sie sich um, konnte jedoch nichts entdecken. Sie wollte den Gipfel umrunden, um auf der anderen Seite wieder herunter zu steigen und schnell nach Hause in die Stadt zu laufen.

Als sie nach einem kleinen Felsvorsprung griff erzitterte dieser plötzlich.

Der ganze Fels erbebte und begann sich zu bewegen.

Starke Beine hoben einen massigen und muskulösen Körper an.

Der Drache erhob sich und streckte seine Gliedmaßen. Als er seinen Kopf drehte und sich verschlafen umsah bemerkte er die kleine Gestalt, die sich auf seinen Schultern zusammenkauerte. Er sah die Frau mit einem seiner bernsteinfarbenen Augen an, sie stieß einen leisen Schrei aus und rutschte auf seinen Rücken.

Breitbeinig saß sie so auf ihm und hielt sich an einem seiner ledernen Zacken fest. Ihre Füße in den roten Schuhen berührten seine Seiten. Der Drache spürte es, ebenso wie die junge Frau, etwas war gerade eben geschehen.

Der Drache reckte seinen Kopf dem Himmel entgegen und stieß ein markerschütterndes Brüllen aus.

Plötzlich erstrahlten seine Schuppen, glühten auf und wurden strahlend hell, als ob sich tausend kleiner Sterne in ihnen widerspiegelten. Das gleißende Licht erlosch und wich dem strahlenden Rot, dass seine Eltern ihm einst geschenkt hatten.

Sein Brüllen wurde lauter und mit einer fließenden Bewegung streckte er seine kleinen Flügel aus. Sie schwollen an und wuchsen, bis mächtige Schwingen daraus geworden waren.

Endlich war es geschehen und der Drache hatte seine wahre Größe erlangt.

Auch die Frau hatte es gespürt, das was ihr immer gefehlt hatte war zurück. Ihre Angst war neuem Mut gewichen. Nun fühlte sie sich wahrlich vollkommen.

Stolz streckten sich der Drache und seine Reiterin dem Himmel entgegen. Kräftig federte er ab und stieß sich in die Lüfte empor. Starke Schläge seiner Schwingen trugen die beiden hoch in den Himmel.

Endlich war ihr Schicksal in Erfüllung gegangen.

Schnell flogen sie der Stadt entgegen. Das schwarze Ungetüm wütete noch immer über den Dächern und tauchte alles in sein tödliches Feuer.

Der Drache hatte ihn schnell erreicht und griff an.

Scharfe Zähne bohrten sich in den Hals des schwarzen Drachen und sein fürchterliches Jaulen ließ die Luft erzittern. Der Kampf in den luftigen Höhen über der Stadt tobte und ein wildes Knäuel aus Klauen und scharfen Zähnen krachte zu Boden.

Immer wieder verbissen sich die Drachen ineinander und griffen sich mit ihren Klauen an, doch keiner konnte die Oberhand gewinnen.

Plötzlich, als der Drache nicht damit rechnete, sprang die schwarze Bestie auf ihn zu, doch er schaffte es sich wegzudrehen und der schwarze Drache schnappte ins Leere. Er flog an dem Drachen vorbei und krachte zu Boden. Das war seine Chance, wild stürzte er sich auf ihn und rammte seinem am Boden liegenden Gegner die Klauen tief in die Seite. Ein lautes Röhren drang aus seinem Hals und dann geschah es, ein Feuerstrahl, so gleißend hell wie die Sonne schoss aus seinem weit aufgerissenen Maul und verbrannte dem schwarzen Drachen das Gesicht.

Vor Schmerzen winselnd sprang dieser auf und erhob sich in die Lüfte. Mit kräftigen Schlägen seiner Schwingen verschwand er über den See, doch der Drache und seine Reiterin setzten ihm nach. Mit mächtigen Feuerstößen jagten sie ihn davon.

Als sie zurückkehrten, sahen sie, dass der Schaden in der Stadt nicht so groß war wie sie angenommen hatten, es hatte schlimmer ausgesehen als es wirklich war. Die Stadt war gerettet worden und die Bewohner, welche die junge Frau längst erkannt hatten, jubelten zu ihren Ehren und kamen herbei um den Drachen mit seinem schönen Schuppenkleid zu betrachten.

Die Stadt wurde wieder aufgebaut und stand fortan unter dem besonderen Schutz einer außergewöhnlichen Freundschaft.

Der glückliche Drache und seine Reiterin sorgten für die Menschen und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

 

Alle Rechte vorbehalten ® | 09. September 2015 | 18:10 Uhr

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Kommentare: 3
  • #1

    RockRebell (Mittwoch, 27 April 2016 13:41)

    Wunderschön. Die Geschichte ist so berührend.

  • #2

    B.R. (Montag, 12 Juni 2017 21:19)

    So eine berührende Geschichte.
    Gänsehaut und Tränchen von so viel Glück.
    Kann man dieses Werk irgendwo käuflich erwerben?

  • #3

    Timo (Dienstag, 13 Juni 2017 09:38)

    Hallo B.R.,

    leider noch nicht. Du kannst aber gerne Kontakt zu mir aufnehmen, dann werde ich sehen ob ich es nicht sauber ausdrucken und heften kann.

    Viele Grüße
    Timo